Gesamtselbst

Ein Mensch, der in einer Familie verschwiegen wird…

Ein Mensch, der in einer Familie verschwiegen wird,
der taucht als Thema in der Familie wieder auf.

Der wird mit absoluter Sicherheit
– und sei es zwei Generationen später –
sein Thema, seine Herausforderung wieder in die Familie bringen.

Elia

Zu Gast ist Karla.

Elia: deine nächste Frage, bitte.

Karla: Warum gab es in meinem Leben oft Schmerz, Sehnsucht, Traurigkeit in Verbindung mit Frankreich, speziell Paris?

E: Weil du in dieser Stadt mehrere Leben gelebt hast. Sie ist sowohl die Stadt deiner tiefsten Trauer als auch die Stadt deiner tiefsten Lieben.
Viele Seelen haben einen ganz bestimmten Ort oder eine ganz bestimmte Kultur, der sie zutiefst verhaftet sind. Hier behält die Seele die Neigung dazu, in diesen Kulturen und Orten ihre tiefsten Erfahrungen, die sie zu machen hat auch, ich möchte sagen, zu inszenieren.

Es gibt einen alten Friedhof in Paris, vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, einmal dort drüber zu spazieren. Und ich bin sicher, du wirst spüren, wie gut es ist, dass du aus diesen Inkarnationen entwachsen bist als eine Seele, die nicht in die Verbitterung gegangen ist, was sie hätte tun können.
Sondern ganz im Gegenteil, die kämpferisch sagt: „Ich suche weiter danach, was die Menschen menschlich macht. Ich will in meiner Suche nach Liebe, Mitgefühl, Verantwortung und Freude mich niemals brechen lassen.“
Geh einmal durch diese Stadt in dem Bewusstsein, dass du in der Stadt sehr viel gelernt hast, dass dich diese Stadt wie kaum eine andere hat reifen lassen.
Hast du noch eine Frage?

K: zu meiner Lebensaufgabe. Welche meiner Talente und Begabungen sollte ich in die Welt tragen? Gibt es einen Schwerpunkt?

E: Der Schwerpunkt hat mit deiner Sehnsucht zu tun, das Menschliche kennenzulernen.
Es ist nicht möglich für mich, dir zu sagen, tu dies oder das. Aber ich möchte dich auf die Kriterien aufmerksam machen, die es zu beachten gilt: Bisher war es dir völlig ungewohnt bei einer Wahl, dich nicht danach zu richten, was den Anforderungen anderer entspricht.
Die Anforderungen und Erwartungen der anderen, denen du dich verantwortlich fühltest, hatten oberste Priorität.

Jetzt sollte es darum gehen, dass die oberste Priorität deine eigene Sehnsucht ist. Und deine tiefste Sehnsucht, tiefer als alle anderen, die ist, dem Mensch sein aufzuhelfen. Erinnere dich: Ich begann mein Gespräch mit dir mit dem Hinweis auf dein Land und das tiefe Leid, das Menschen in deinem Land leiden.
Du hast dieses Land ausgewählt, um zu inkarnieren, weil dort das menschliche Leid in so vielfachen Formen deutlich sichtbar ist. Aus dem Bekennen des Menschen wird Liebe, aus der Liebe zum Menschen wird Berufung.

K: danke.

E: Hast du noch Fragen?

K: Eine Gewissensfrage für mich … in unserer Familie gibt es ein Familiengeheimnis auf der Seite meines Mannes. Seine Mutter ist am Leben, aber unsere Töchter wissen es nicht. Wir haben seit langen, langen Jahren keinen Kontakt mehr mit der Mutter, aber mich quält die Tatsache, dass die Kinder angelogen werden und Stillschweigen über die Sache gehalten wird. Ich frag mich, wie ich damit umgehen soll.

E: Ich möchte mich neutral halten, denn eine Gewissensfrage darf ich dir nicht abnehmen. Aber ich möchte dir etwas sagen: Ein Mensch, der in einer Familie verschwiegen wird, der mundtot gemacht wird, der taucht als Thema in der Familie wieder auf. Der wird mit absoluter Sicherheit – und sei es zwei Generationen später – sein Thema, seine Herausforderung wieder in die Familie bringen. Und darum ist es gar nicht möglich, das Thema, das sie mit ihrem so Sein gesetzt hat, von der Familie fernzuhalten, das ist nicht möglich.
Wenn das so ist, macht es dann viel Sinn, weiter zu schweigen? Das überlege bitte selbst.
Ich darf dir nicht sagen, tu dies oder das, aber ich lege dir ans Herz, darüber nachzudenken, welche Auswirkungen es hat, wenn das Thema, das sie, diese Frau, in die Sippe brachte, in der nächsten oder übernächsten Generation von einem anderen Träger wieder aktualisiert wird, ja? Verstehst du das?

K: Ja, ich verstehe sehr gut.

E: Mir steht es nicht an, zu moralisieren. Ich appelliere an die Vernunft.
Es ist nicht möglich, alles zu lieben – ihr seid nicht gottgleich.
Es ist auch nicht möglich alles zu verstehen, dafür mangelt es euch am Überblick.
Aber es ist möglich, zu akzeptieren, dass Dinge so sind, wie sie sind. Und das ist viel wichtiger, als man gemeinhin denkt.

Das Verschweigen ist weit entfernt von jener Form von Akzeptanz. Es kostet sehr viel Kraft. Und es kostet auch deinen Kindern Kraft, denn auch wenn ihr nichts sagt, spüren sie, was ihr fühlt. Und ein schwarzes Loch im Universum kann nicht schlimmer sein als ein verschwiegenes Mitglied einer Sippe.

Gut, gibt es noch Fragen?

K: Nein, aber ich danke dir sehr für deine liebevolle Beantwortung meiner Fragen und für den herrlichen Austausch. Er hat sehr, sehr gut getan.

E: Wie schön, einen solchen Dank zu erhalten. Ich möchte dir darum auch danken, indem ich ein wenig aus meiner seelischen Erfahrung plaudere.
Sprechen wir von Paris. Es gibt ein kleines Schlösschen in der Nähe von Paris und dort lebte eine junge Frau. Sie hatte viel Charme, sie hatte viele Verehrer, und ich war durchaus einer von ihnen. Eine reine platonische Geschichte. Ich liebte ihren Verstand.
Heute sitzt diese Frau auf dem Sofa meiner Gastgeber mir gegenüber. Es ist mir eine große Freude, dir dieses kleine Geschenk heute zu geben.
Bei allem, was du tun magst: Verstand ist dir geschenkt, Warmherzigkeit ist dir geschenkt und eine tiefe mediale Begabung. Nimm dies alles und schau nur, wie gut es ist. Und geh deinen Weg, sodass in deinem Herzen das Feuer brennt.

Lass dein Leben so sein, dass an deinem letzten Tag du lächelnd sagst: „Es war doch gut!“
Mehr wünsche ich dir nicht. Ich denke, es wäre ein gerüttelt volles Maß.
Und nun gute Nacht.

Hajo und Karla: gute Nacht, Elia.