Totensonntag

Uta – Meine Gedanken zum Totensonntag

Meine Gedanken zum Totensonntag

Uta

In den Evangelischen Kirchen unseres Landes wird an diesem Tag
der Verstorbenen der letzten 12 Monate gedacht,
in den Katholischen Kirchengemeinden gilt dieser Sonntag
der Aufmerksamkeit dem Jüngsten Gericht und der Ewigkeit.

In Lesungen und Gesängen wird
– jetzt, am Ende des Kirchenjahres,
so unmittelbar vor dem Beginn der Adventszeit –
die Allgegenwart des Todes
in das Bewusstsein der Gläubigen gebracht.

Stille, finstere Tage sind das.
Wir schmücken die Gräber unserer Angehörigen
mit Kränzen und Kerzen.
Es ist, als läge eine unendliche Last über allem:

Schmerz, Trauer, Verlust: 
das absolute Ende.

Ich schaue darauf und erinnere mich
an all die vielen, vielen Kontakte mit Verstorbenen
und ich möchte am Liebsten allen zurufen:

Aber sie leben doch!

Das Grab, das du gerade mit finsteren Tannen deckst,
die Kerze, die du anzündest deinem Verstorbenen zum Trost…
Ach, schau doch nur:
Es gibt doch diese Finsternis nicht!
Sie leben!
Wirklich, es ist wahr, sie leben!

Und sie nehmen Anteil an deinem Leben,
sie freuen sich über dein Glück
und sie sind so voller Mitgefühl in deiner Not bei dir!

Du brauchst ihnen kein Licht anzünden, sie sind Licht!

Du brauchst sie nicht trösten in ihrem „kühlen“ Grab,
sie sind Wärme …

Warum nur liegt so viel daran,
uns den Tod so schwarz zu zeichnen?

Es gibt andere Sitten und Gebräuche in anderen Ländern:
Es gibt Länder, da ehren die Menschen ihre Verstorbenen,
in dem sich die Familie an ihrem Grab trifft
und ein fröhliches Familien-Picknick feiert.

Es gibt Länder, in denen ein großes Straßenfest stattfindet
und der Tod aus Zuckerguss und Marzipan
fröhlich durch die Straßen getragen wird,
begleitet von Tanz und Musik…

Manchmal fragen die Hinterbliebenen ihre Verstorbenen,
ob sie noch etwas für sie tun können.

Die Antworten darauf überraschen mich immer wieder,
obwohl ich doch längst daran gewöhnt sein müsste:

Der Eine wünscht sich:
Dass seine Familie an Weihnachten wieder Musik macht,
singt und spielt, weil er daran teilhat…

Der Andere wünscht sich einen Baum gepflanzt
an seinem liebsten Platz im Garten.

Nie haben diese Wünsche mit Tod und Verderben zu tun,
sondern immer mit Leben und Lebensfreude!

Warum nur bei uns so finster, so kalt,
so ganz ohne Hoffnung?

Vielleicht, weil er uns so weiter Angst macht: der Tod!
Oder weil – wenn wir uns fürchten – wir besser funktionieren?

Was wäre unsere Gesellschaft ohne diese Angst?

Ich will den Schmerz nicht klein reden in diesem Brief.
Den Schmerz, unsere Lieben loszulassen…
Nein, wahrlich nicht!

Tief schneidet er in unsere Seele und schlägt Wunden,
die uns vielleicht nie ganz heilen.
Aber wenn wir nur diesen Schmerz haben
ohne die Gewissheit auf ein Wiedersehen,
wenn wir nur diesen Schmerz haben:
Was können wir Anderes tun,
als zu versuchen, dem Tod davon zu rennen?

Wir rennen davon:
Unsere Friedhöfe sind längst nicht mehr
der Mittelpunkt der Gemeinden,
sondern liegen hinter hohen Mauern versteckt
am Rande der Aufmerksamkeit.

Und uns selbst?
Ist uns UNSER Tod nah?
Nein, wir laufen ihm davon, so gut wir können: 
Anti Aging Programme an jeder Volkshochschule…
Nur nicht altern!

Eine fünfzigjährige Madonna tanzt hoch gestylt
und auf jung getrimmt über die Bühne.
Liften lassen gehört zum guten Ton besserer Kreise…

Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an!
Ach was!
Ach nein!

Ich sage provokativ und bewusst: 
Wir haben ein Recht darauf, zu sterben!
Und ich sage: Wer dem Tod davon rennt,
der rennt dem gelebten Leben davon.

Leben bedeutet auch, sich wandeln zu dürfen:
Wie wunderbar!
Ich werde älter und meine Interessen ändern sich…
Ich werde älter und was ich noch gestern fürchtete,
ist mir heute nur noch ein Lächeln wert…

Wir haben ein Recht darauf,
dass unser Leben Spuren in unser Gesicht zeichnet…
Wir haben ein Recht darauf,
dass unsere Kräfte nachlassen
und ein Recht darauf, Frieden in dem Wissen zu finden,
dass unsere Zeit hier im Diesseits begrenzt ist!

Ja, wirklich, ich sehe es so!

Nein, lebensmüde bin ich nicht!
Aber ich weiß, es kommt der Tag,
da darf ich des Lebens satt geworden sein.

Dann habe ich genug getan,
genug gesagt,
genug gekämpft
und ich habe genug gefürchtet,
genug gehofft,
genug gezweifelt…

Es wird ein Tag kommen, da ist es genug!
Für MICH und für meine Seele!

Ja – werden jetzt viele sagen –
ja, wenn man alt ist und schwach,
ja dann, dann mag es genug sein.

Aber was ist mit den Jungen,
den Kindern sogar?
Genug!
Pah!

Es gibt ein „Genug“, das können wir nicht verstehen!
Das lässt uns voller Schmerz und Verzweiflung zurück
und doch ist es tröstend, zu wissen: 
Die Seele, die ging, hatte genug!

Ich darf in diesem Newsletter das Feedback
einer jungen Frau wiedergeben,
das uns vor zwei Wochen erreicht hat.

Vor vier Jahren fand sie den Weg zu uns
in tiefem Schmerz über den Verlust ihres Kindes.
Sie hatte Zwillinge erwartet,
aber nur Eines überlebte die Geburt.

Das war furchtbar,
denn kaum jemand verstand ihre Trauer.
Das andere Kind lebte doch!
Da hatte sie doch Trost genug!

Doch dieses überlebende Kind litt selbst an diesem Verlust!
Es spürte seit seiner Geburt,
dass ihm jemand sehr Wichtiges fehlte…
Beunruhigt von dieser Entwicklung bat uns die Mutter um Hilfe.
Ehrlich gesagt war ich selbst sehr betroffen.

Welchen Trost soll man da bieten,
wo soll denn der Sinn in diesem Tod gelegen haben?

Sein Sinn lag darin,
sein Geschwisterchen begleitet zu haben
durch die Zeit vor der Geburt.
Sein Sinn liegt bis heute darin,
seiner Schwester als Engel zur Seite zu stehen. 
Und seine ganze Liebe lag darin,
als Seele dieser Mutter noch einmal ganz nah sein zu dürfen,
ehe es sich wieder ins Jenseits zurückzieht.

Es hat – so kurz sein Leben hier auch war –
„genug“ genommen und gegeben.

Aus dem Schmerz der Mutter wurde Dankbarkeit,
aus der Sehnsucht der Schwester Geborgenheit.

Ich möchte mit den Worten der Mutter an uns schließen
und bedanke mich sehr dafür, dass sie einverstanden ist,
dass ihr Trost heute jedem Leser hilft,
seine Position zum Sterben zu überdenken.