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Elia – über die Angst: Wenn ich glücklich bin, bekomme ich eins über gebraten.

Wenn ich glücklich bin,
bekomme ich eins über gebraten.

Das ist ein sehr urmenschliches Empfinden
und sehr vielen Menschen eigen.

Sie glauben an Unglück!
Das hat etwas damit zu tun,
dass der Mensch an sich Glück bewahren will,
ein Zufrieden sein zumindest bewahren will.

Elia

Zu Gast ist Tina.

Elia: Deine nächste Frage bitte.

T: Ja, bei der Frage geht’s jetzt um Toms Nachlass.
Und zwar unserem Haus.
Da ist so viel Durcheinander.
Ich bin konfus, verwirrt.
Und ich spüre auch eine Angst in mir.
Und dieses Gefühl – das kenne ich schon lange – ist:

„Wenn ich glücklich bin, bekomme ich eins über gebraten.“
Das spüre ich da ganz stark!
Und jetzt möchte ich gerne wissen, wenn es möglich ist:
Was hat das zu bedeuten?
Und wie kann ich Licht
in diese verworrene Angelegenheit bringen?

E: Das ist ein sehr urmenschliches Empfinden
und sehr vielen Menschen eigen.
Sie glauben an Unglück.
Die Ursache dafür ist gar nicht so individuell,
wie du vielleicht meinst,
sondern in Wahrheit sehr alltäglich.
Das hat etwas damit zu tun,
dass der Mensch an sich Glück bewahren will,
ein Zufrieden sein zumindest bewahren will.
Das kennst du ganz gewiss.

T: Ja.

E: Und wenn du dich einmal umschaust
und vielleicht auch einmal deine Freunde danach fragst,
dann wirst du feststellen, dass jeder sagen wird:
„Das kenne ich auch“.

Aber wenn es so ist:
Was lässt den Eindruck erwecken,
dass auf jedes Glück ein Unglück folgt?


Wenn fast alle Menschen der Welt so empfinden,
ist es dann vielleicht wirklich Tatsache?

Folgt auf jedes Glück Unglück?
Meine Antwort darauf ist: „Ja“.

Ja,
früher oder später folgt auf eine glückliche Episode
des Lebens eine schwierige!

Umgekehrt betrachtet heißt es aber auch:
Dass auf jede schwere Episode des Lebens
eine glückliche folgt!

Hast du es schon mal so betrachtet?
Bist du schon einmal in deinem Unglück
dauerhaft stecken geblieben?

T: Nein.

E: Nein, nicht einmal im Allerschlimmsten.
Die Tatsache, dass das Leben in Wellen verläuft:
Eine Welle mit einem Tal,
der folgt der Anstieg zum Höhepunkt.
Und dann bewegt sich wieder eine Welle.

Das wird vom Menschen so gesehen,
als geschehe ein großes Unrecht.
Die Wahrheit ist:
Ohne diese permanenten Wellenbewegungen
hättet ihr keine Anreize,
euch weiterzubewegen!
Dann hättet ihr einen Stillstand.

So ist – so bitter es ist –
Leid, Trauer, Trübsal, Ratlosigkeit
zwar der Tiefpunkt: das Wellental.
Aber nur, damit neue Kräfte entstehen,
die die Welle wieder auf einen neuen Höhepunkt bringen.

Nicht nur das einzelne Leben!
Alle Leben sind so, die du je gelebt hast.

Einzig, einzig im Bewusstsein
des Jenseits verändert sich dies.
Nicht, weil es dort keine Wellenbewegung gäbe,
die gibt es dort auch!

Aber das Tal der Welle wird nicht mehr als Unglück betrachtet,
sondern als Beginn des Neuen.
Es liegt also an der Betrachtung!

Dies ist viel vom Menschen verlangt.
Große Meister hat diese Welt erhalten.
Buddha einer von ihnen, der zu Recht sagte:

„Alles menschliche Unglück liegt in seinem Begehren“.
Dies ist wahr.
Aber ohne Begehren steht die Entwicklung still!
Sowohl die persönliche
als auch die ganz große Welt-Entwicklung.

Auch ihr als Menschheit,
als Ganzes bewegt euch in unablässigen Wellen.

Und einmal ist das Unglück sehr schmerzhaft,
um aus diesem Unglück zu lernen
und zu neuen Höhen, zu einer neuen Wellenspitze zu kommen.

Weise ist, wer lernt,
dies zu akzeptieren.

Ich hatte zu Lebzeiten eine kleine Karte
auf meinem Schreibtisch.
Auf der stand:

„Mit jedem Unglück beginnt ein neues Glück!“

Dies, weil ich selbst so sehr damit zu kämpfen hatte,
dem Pessimismus meiner Zeit
nicht zum Opfer zu fallen.

Magst du in Zukunft dies so sehen?

T: Ja.

E: Dann bist du auf dem besten Wege,
zur Zufriedenheit zu gelangen, ja?

T: Ja.

E: Ich hoffe, du nimmst mir nicht übel,
dass ich aus so einer schmerzvollen Frage
eine so allgemeine Antwort kreiert habe.

Aber es ist die schlichte Wahrheit.

Wohin auch immer du schaust,
welches Schicksal auch immer du betrachtest:
Der Mensch an sich lebt in der ständigen Bereitschaft,
sein Glück zu bewahren.
Von der Welle nicht zum Tal zu gehen!

Das ist seine Arbeit, es muss so sein.
Und er fürchtet sich vor dem Tal.
Auch das muss so sein!
Denn dies macht ihn vorsichtig,
umsichtig,
manchmal auch nachsichtig.

Aber wenn er das Tal erreicht hat,
dann will er nichts mehr als die Gewissheit,
dass er da wieder herauskommt.
Und dann kämpft er!

Selbst der Tod ist ein solches Tal! 
Er ist ein Tal.
Dort hinabzugehen in die letzte Senke,
ist ein schwerer Gang, ist Unglück.
Wie weise auch immer der Mensch ist.

Aber die Gewissheit zu haben,
dass auch aus dem letzten Tal
die höchste Höhe zu erreichen ist:
Das ist Glück!

Darum fürchte dich nicht!
Fürchte dich nicht vor deinen Tälern.

Schau doch auf dein Leben!
Schau doch,
was du aus deinen Tälern gemacht hast!
Weil: Es waren weit mehr Täler als Toms Tod.
Es gab ja auch ein Leben vor Tom.
Ja?

T: Hm, hm.

E: Und spreche ich nicht wahr,
wenn ich sage:

„Ja, und nach jedem Tal
kam eine neue Wellenspitze“?

T: Ja.

E: So, so behalte meine Worte in deinem Herzen.
Und so schau auf die Angelegenheiten mit dem Haus.

Noch hast du die Spitze nicht erreicht.
Aber du hast ein tiefes Tal hinter dir.

T: Hm, hm.

E: Aber noch ist der Höhepunkt nicht erreicht.
So wollen wir frohgemut sein, nicht wahr?

T: Ja.

E: Gut.