Zorn der Sterbenden

Elia – Das Sterben: Der Zorn der Sterbenden

Das Sterben:
Der Zorn der Sterbenden

Elia

Zu Gast ist Carin.

Carin: Die nächste Frage hat dann noch mit Toms Krankheit zu tun.

Elia: Ja.

C: Und zwar war es manchmal so,
dass der Tom ziemlich böse war.
Richtig grantig, wie ich ihn sonst gar nicht gekannt habe.
Ich habe mir dann gedacht:
Es ist die Krankheit.
Aber es hat mir eben dann doch weh getan.


E: Ja.


C: Und es ist das, was auch immer noch in mir sitzt.


E: Ja.


C: Das würde ich gerne auflösen, heilen.


E: Man kann sich nur lieben,
wenn man in aller Wahrheit
auch auf seine Schattenseiten schaut.
Und man kann einen Anderen nur lieben,
wenn man in aller Wahrheit auf seine Schattenseiten schaut.

Sind wir uns da einig?

C: Hm, hm.


E: Dann kann ich dir antworten:

Er war neidisch.
Er war neidisch darauf, dass du überleben wirst.

Und er war neidisch darauf, dass du so viele Dinge,
die ihm so wichtig sind, nicht brauchst.
Das hätte er nie zugegeben.
Das hätte er sich selbst einmal gegenüber
auch so nicht zugeben können.

Aber Neid ist eine der urmenschlichen Regungen.
Der Eine hat sie gut im Griff, der Andere schlechter.
Und das zeigt sich dann auch erst in extremen Situationen.


Sterben müssen:
Das war für Tom einerseits der Ausweg aus der Misere,
mit sich selbst nicht klar kommen zu können.
Und andererseits eine unglaubliche Frechheit.

Manchmal wollte er dich einfach nur mit in seine Wut nehmen.
Er wollte manchmal einfach nur nicht der Einzige sein,
der wütend ist.
Und dann hat er versucht, dich wütend zu machen.


Freilich: Hättet ihr darüber reden können,
wäre es anders gewesen.
Aber wir müssen respektieren,
dass Toms Persönlichkeit geprägt ist von sehr viel Unterdrückung.
Er hat sehr viel sehr lange sehr früh unterdrücken müssen.


Und es bedeutet eben nicht,
dass solche Gefühle wie zum Beispiel
Neid oder Misstrauen oder Eifersucht wirklich weg sind. 
Sie sind nur unterdrückt.


Und es ist ihm ergangen, wie es vielen Sterbenden ergeht:
Der mögliche Tod
– ich betone hier die Möglichkeit, die plötzlich Teil des Alltags wird – enthemmt im Positiven wie im Negativen.


Es ist ja eine Tatsache:
Es gibt nichts mehr zu verlieren.

Und dann kann es geschehen,
dass diese Emotionen,
mit denen man nie gelernt hat, wirklich umzugehen,
da sie von Anfang an unterdrückt wurden,
in – ich möchte sagen –
kindlicher Weise zum Ausdruck gebracht werden.


Denn es war kindlich, erinnere dich:
Es war wie ein zorniger, dreijähriger Knabe,
der nicht darauf achtet,
was sein Tun und Handeln und Reden im Anderen anrichtet.

Glaub mir bitte,
dass dies für Tom eine sehr beschämende Tatsache ist.
Zornig sein,
eifersüchtig,
neidisch sein:
Kein Mensch der Welt wird offen zugeben,
dass das zu ihm gehört.

Aber kein Mensch der Welt kennt diese Gefühle nicht.
Was die Menschen unterscheidet, ist,
dass der Eine Gelegenheit hat,
zu lernen, damit umzugehen
und der Andere nicht.


Ja?
Kannst du das verstehen?

Seine Wut über die ungerechte Tatsache,
dass er zu gehen hat
und du leben wirst,
war eine ganz kindliche Wut.
Das war das Kind in Tom,
das da rebellierte,
das dich mitnehmen wollte ins Wütend sein.

Aber das war ganz sicher nicht
sein Mangel an Liebe zu dir.

Wo, bei wem darf ich enthemmt sein?
Doch nur bei dem, bei dem ich sicher weiß,
seine Liebe ist groß genug.
Ja?


Hier müssen wir aber auf dich schauen! 
„Ich bin verletzt.
Mir tut es weh bis heute“.

Das ist eine wichtige Erfahrung für dich.
Denn du warst in einer sehr ohnmächtigen Position.

Dadurch, dass Tom krank war,
musstest du ihn und wolltest du ihn schonen.

Du bist nicht in einen Kampf gegangen,
den du mit einem gesunden Mann
gekämpft hättest an solcher Stelle.
Und so hast du in einer Situation
eben nachsichtig, umsichtig reagiert.


Aber das hat deine Wunde dennoch nicht heilen lassen.

Ich möchte dich bitten:
Dass du diese verletzenden Dinge Tom nicht vorwirfst,
sondern dass du mit ihm darüber redest,
dass das Schmerz ausgelöst hat.
Und auch,
warum du nicht in deine Wut gegangen bist.

Und dass du ihm vielleicht auch die Gelegenheit gibst,
zu sagen,
wie er sich empfindet im Hinblick darauf.
Denn ich weiß,
dass er sehr darunter leidet
und dass das einer der Gründe ist,
warum er nicht glauben kann,
ein gutes Selbst zu haben.