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Elia – über Kinder, Teil 4: Die Entwicklung der Kinder vom 7. bis zum 12.-13. Lebensjahr.

Entwicklung der Kinder 
Teil 4:
Die Entwicklung der Kinder vom 7. bis zum 12.-13. Lebensjahr.

Die Sippe
Xenophobie oder die Angst vor Fremdem
Vom Du zum Wir
Elia

Ich beginne heute mit der Entwicklung der Kinder
zwischen dem 7. und dem 12.-13. Lebensjahr.

Es geht um die Identifizierung des Kindes
mit jenen Menschen und jenen gesellschaftlichen Strukturen,
in denen es aufwächst und mit denen es zu tun hat.

Wir haben in den letzten Kapiteln darüber gesprochen:
Dass das Kind erst allmählich beginnt, sein Ich zu begreifen!
Und dazu bestimmte Voraussetzungen braucht,
damit dies in selbstsicherer Weise geschehen kann.

Es erfährt sich selbst
– so habe ich in meinem letzten Diktat gesagt –
und dies ist sein entscheidender Entwicklungsschritt,
der von allerlei Hindernissen begleitet werden kann.

Wenn das Selbst sich kennt,
wenn das Ich definiert ist,
beginnt die Definition des Du´s.

Ich habe in meinem letzten Diktat darauf hingewiesen,
dass im Alter von 6-7 Jahren zum ersten Male
eine freudige Begegnung,
eine freudige Wahrnehmung mit einem Du stattfindet.

Es finden zum ersten Mal wirkliche Freundschaften statt. 
Auch zum ersten Mal findet eine Vorform von Verliebt sein statt.

Darüber hinaus kommt es zu einem Suchen nach einer Gruppe: 
zu anderen Du´s, die dem Eigenen entsprechen.

Das Ich wird dann reflektiert über die Reaktion Anderer.
So, wie ich Anderen begegne, löst es Reaktionen aus
und deshalb sagen mir die Reaktionen etwas über mich selbst!

Dieser Prozess dauert in etwa sieben Jahre.

Es ist ein Hineinwachsen wie alle anderen Schritte des Lebens auch.
Und es ist sehr wichtig, dass dies
auf eine harmonische Art und Weise geschehen darf!

Die Reflektionen durch Andere
– die eine Begegnung mit mir selbst ist –
wird sehr prägend sein für das,
was ich später in der Welt darstellen kann!
Wozu ich bereit bin.

Ich sprach letztes Mal darüber, dass es eine Art von Urteil gibt,
das Eltern über ihre Kinder fällen. 

Das gilt in gleicher Weise auch für die Begegnung
mit den Lehrern in der Schule!
Oder die Begegnung mit den Schulkameraden
oder in Vereinen
oder dergleichen mehr.

Das Selbstwertgefühl wird hier noch einmal
einer Modifikation unterzogen.

Das grundsätzliche Selbstwertgefühl
wird im Säuglings- und Kleinkindalter gebildet.
Aber darüber hinaus kommt es jetzt
zu einer Entwicklung des Selbstwertgefühls! 
Das wirklich auch späterhin von Erinnerungen getragen wird,
das hinterfragt werden kann durch den Geist und durch die Dinge, die wir lernen.

Kinder in dieser Phase versuchen,
sich mit anderen Menschen gleichzusetzen, zu identifizieren: 
Ich bin die Gruppe, in der ich bin. 
Ich bin so, wie Diejenigen mich beurteilen,
die mit mir direkt zu tun haben.

Diese beiden Sätze sind sehr schwer wiegend,
unterschätzt sie nicht!

Ich bin so, wie die Gruppe mich beurteilt.
Das kann sehr positiv sein, das kann sehr negativ sein.
Denn das Urteil einer Gruppe hängt von Faktoren ab,
die das Kind nicht regulieren kann.

Und das hat große Konsequenzen!

Kinder mögen eine große Begabung zur Anpassung haben,
aber sie können wirklich das Gruppen-Urteil nicht beeinflussen! 
Und das ist etwas, was nur ganz allmählich begriffen wird!

Identifikation in einer Gruppe
findet über eine starke Symbolik statt.

So identifiziert sich eine Familie beispielsweise als Familie,
indem sie sich zugehörig fühlen
zu einer bestimmten sozialen Position
oder zugehörig fühlen in einem bestimmten Ort
oder in einem bestimmten beruflichen Ablauf, den alle teilen.

Da denke ich beispielsweise an Bauernfamilien!

Oder sie identifizieren sich über bestimmte Dinge,
die sie sehr gut finden
oder auch sehr schlecht finden.
In jedem Fall haben sie viele Dinge gemeinsam! 
Das macht die Familie als solche für das Kind aus!

Wir sind:
Wir sind alle gegen grüne Hemden!
Oder:
Wir sind alle für Hähnchen-Keulen.

Das bedeutet Identifizierung!
Das bedeutet zum ersten Mal so etwas wie Heimat zu erfahren.

Dieser Prozess gründet sich im 7.-8. Lebensjahr.
Hier liegt im Übrigen auch die Basis für Vorurteile:
Denn sie bilden sich: diese Vorurteile,
und sie verschaffen das Gefühl von Sicherheit.

Überall dort, wo dieses Kind auf Menschen trifft,
die auch gegen grüne Hemden sind, wird es sich geborgen fühlen.

Und es wird sich verunsichert fühlen, es wird Ängste empfinden,
wenn plötzlich jemand daher kommt und sagt:
Ich bin für grüne Hemden,
ich finde grüne Hemden wunderbar.

In diesem Moment ist dies ein Fremder! 
Und ein Fremder könnte eine Bedrohung sein.
Und genau so wird das Kind darauf reagieren!

Wir befinden uns hier in einer Entwicklungsstufe, die
– ich möchte noch einmal auf die Parallelität
der Entwicklung der Menschheit insgesamt hinweisen –
auf einer Entwicklungsstufe liegt,
die in etwa jenem Zeitpunkt entspricht:
Als Sippen eine sehr große Rolle spielten
im Bewusstsein der Menschheit.

Wir hatten eingangs die kleinen Horden erwähnt in der Steinzeit.
Nun haben wir einen etwas größeren Verband: die Sippe.

Eine Sippe musste, um intakt zu bleiben,
sich von anderen Sippen abgrenzen,
in dem sie bestimmte Merkmale an jedes Sippen-Mitglied weiter gab.

Dieses konnte eine Form von Essens-Regulierung sein: 
dieses oder jenes waren Allen gemeinsam Tabu.
Oder es war eine bestimmte Form, sich zu bemalen.
Oder es war eine bestimmte Form, eine Hütte zu bauen.

In jedem Fall gab es Identifizierung Punkte.
Identifizierungsmerkmale sind
also nicht schlicht und einfach schlecht,
sondern sie sind für das Kind ein Merkmal von Geborgenheit.

Ein „Hier gehöre ich hin, dies ist meine Wurzel, meine Heimat!“

Ihr solltet euch darüber im Klaren sein:
Wenn ihr Kinder erzieht
– und dies gilt ganz besonders für Patchwork-Familien
oder für Familien, in denen ein neuer Partner kommt
oder auch noch neue Kinder dazu kommen –
dass Kinder,
die mit neuen Identifizierungs-Merkmalen konfrontiert werden,
sehr große Schwierigkeiten haben, dies ohne Ängste zu bewältigen!

Diese Angst geht sehr tief
und sie entspringt keiner bewussten Regulierung,
sondern einer rein emotionalen Reaktion!

Es fühlt sich bedroht,
wenn sich Identifizierungs-Merkmale verändern,
wenn gewisse Werte plötzlich ins Gegenteil verkehrt werden.
Damit ist ein solches Kind weitaus überfordert!

Ihr könnt natürlich dem Kind, da es in diesem Alter
schon vernünftigen Argumentationen zugänglich ist,
darüber Erklärungen abgeben.
Und das wird ein Kind in dieser Altersstufe auch schon begreifen.

Das Problem ist:
Dass diese Erklärungen eben nicht abgegeben werden!
Und das gilt auch für Erziehende, die ein Kind dazu bekommen!
Oder dadurch, dass sie einen anderen Partner haben.

Ihr könnt diesen Kindern nicht das Gefühl dafür vermitteln:
Dass es sich nicht bedroht fühlen muss,
wenn sich plötzlich diese Werte ändern.

Das Kind ist noch nicht so weit, seine Werte zu erweitern
und so etwas wie Toleranz zu üben!

Toleranz ist ein Merkmal einer weit höheren Entwicklungsstufe.

In diesem frühen Alter ist es nicht zur Toleranz fähig,
sondern es ist extrem intolerant!
Es hat eine so genannte Xenophobie: Es hat Angst!

Es hat wirklich Angst vor allem, was Anders ist,
sofern es in das Gruppengefüge eindringt!

Außerhalb der Gruppe, außerhalb der Familie
werden diese Dinge akzeptiert.
Sie lösen keine Angst aus.

Sie werden vielleicht heftig belacht,
sie werden heran gezogen, um sich Lustig zu machen,
aber dieses sich Lustig machen ist auch eine Abgrenzung.

Aber tauchen diese fremden Muster
innerhalb der eigenen Gruppe auf:
So ist das sehr unangenehm für dieses Kind und sehr beängstigend.

Hast du dazu noch Fragen?

Hajo: Wie lange dauern diese Ängste?

Elia: Das ist unterschiedlich.
Es kann durchaus sein, dass das Kind
– wenn diese Ängste sehr heftig sind –
dieses Verhalten beibehält und zu mindestens auf einigen Ebenen
in seiner Einstellung auch noch als Erwachsener genau so reagiert!

Ihr kennt dieses Muster: 
Es wird verwendet, um Kriege vorzubereiten. 
Es wird verwendet, um Propaganda auszuüben.

Ihr kennt sicherlich noch diese sehr negativen Beispiele,
die im Dritten Reich gemacht wurden: 
Den Unterschied heraus zu arbeiten
zwischen deutschen Juden und deutschen Christen. 

Es ist sehr damit gearbeitet worden, darzustellen:
Dass die Juden andere Werte haben, ein anderes Aussehen haben.

Ihr seht also:
Dieser Punkt ist zumindest unterschwellig
bei fast allen Menschen jederzeit abrufbar
und immer wieder erreichbar.

Die Angst vor Fremden ist so tief verwurzelt,
dass nur bei einer Bewusstseinswerdung der Problematik
der Mensch diese Dinge überwinden kann.

Ist es nicht so?
Ist es ihm nicht bewusst,
so wird er entsprechend intolerant handeln,
ohne es überhaupt zu merken! 
Er wird es sogar für eine intellektuelle Leistung halten,
erkannt zu haben:
Dass Jemand einen „falschen“ Wert hat.

Habe ich dir das damit beantwortet?

Hajo: Mich würde es noch interessieren,
wie lange zum Beispiel im Fall Hans das Kind
für die Bewältigung seiner Angst braucht,
die durch Veränderungen gekommen sind.

Elia: Hier geht es weiterhin um veränderte Werte
und es wird davon abhängen:
Wie weit das Kind erfährt, dass die veränderten Werte
von allen Beteiligten getragen werden.

Das Problem bei Hans ist:
Dass er überhaupt kein Wir-Gefühl hat!
Er hat es auch in der Vorstufe nicht entwickelt.

Er hat ein Ich-Gefühl, aber er hat kein Wir-Gefühl!
Dass heißt:
Das ist ein Manko, das unabhängig von der Verankerung
durch Leon entstanden ist.

Er hatte dieses Wir-Gefühl schon im Vorfeld nicht gehabt.

Dass heißt: Auf der einen Seite ist es jetzt sehr, sehr anstrengend
für ihn und für die Eltern auch.
Auf der anderen Seite ermöglicht es den Erwachsenen,
zum ersten Mal bei ihm in seinem Leben
ein Wir-Gefühl zu entwickeln!

Und es ist tatsächlich so:
Dass die Erwachsenen darauf Einfluss nehmen können,
indem sie das Wir so zementieren,
wie ich es eben beschrieben habe:
Indem es eine Abgrenzung zu Wir hier und Die dort gibt.

Die Erwachsenen sollten also nach Gemeinsamkeiten suchen,
die sie miteinander mit dem Kind haben
in den Bewertungen Anderer!

Im Bewerten, was sie schön und was sie gut finden!
Und zwar in der Abgrenzung der Beurteilungen,
die andere Gruppen vornehmen.

Das ist etwas, was dem Kind fehlt: Es hat überhaupt kein Wir.

Er war auf der Suche nach einem Wir
bei der Familie seines Freundes!
Aber auch dort konnte er das nicht entwickeln.

Die haben ein sehr festes Wir.
Da ist ein Wir-Gefühl, ein Stück Heimat.
Und das Kind hat das nicht.

Hajo: Dass heißt:
Die Eltern müssen versuchen,
ihm ein Stück Heimat zu vermitteln.

Elia: Ja, ein Wir! 
Er ist noch nicht so weit,
er ist noch nicht einmal so weit, dass man sagen könnte,
er hat schon ein Du-Gefühl.

Er ist noch nicht aus der Phase entwachsen,
in der er sich in Anderen spiegeln kann,
in dem er sich selber findet in den Reaktionen Anderer.
Das ist noch nicht so weit!

Er ist zur Zeit noch so weit, dass er sehr zu kämpfen hat,
ein Ich zu definieren.
Er hat dort ein großes Manko.

Hajo: Durch was ist es dann entstanden?

Elia: Er war, als er in den ersten Lebensmonaten war,
nicht so geborgen, wie er es hätte sein sollen.
Sondern er hat sich zurücknehmen müssen! 

Er hat noch nicht die Geborgenheit,
die Stabilität in emotionaler Weise erfahren,
die er hätte erfahren müssen durch die Mutter.

Hajo: Das nimmt Bezug auf den zweiten Teil
über die Erziehung in den ersten Monaten.

Elia: Ja, das ist richtig.
Und die Erwachsenen können sicherlich
noch mit einigen Schwierigkeiten rechnen.

Ich denke aber, dass wir noch öfter
über diesen Fall begleitend sprechen werden.

Und ich würde sehr empfehlen,
dass die Erwachsenen es jetzt sehr Ernst nehmen,
was ich letztlich sagte:
Dass es sehr wichtig ist, über die eigenen Emotionen zu reden!

Also derzeit lehnt das Kind ja diesen Du-Spiegel noch ab
und die Erwachsenen sollten aber konsequent dabei bleiben!

Denn das Kind ist zur Zeit noch sehr, sehr wenig in der Lage,
seine eigenen Emotionen zu verbalisieren.

Er spiegelt, er versucht, einen Weg zu finden,
seine Emotionalität Ausdruck zu geben
und benutzt dabei die Bilder sehr fremder Menschen!

Also er hat auch da
– das sieht man sehr symptomatisch –
kein Wir-Gefühl, sonst würde er die Art der Erwachsenen,
Emotionen darzustellen, übernehmen.
Aber das tut er nicht!

Sondern er greift dann auf jene Dinge wieder zurück,
die er im Fernsehen sieht:
Also eine Identifikation über nicht anwesende Personen,
um sich selbst Ausdruck zu verleihen!
Weil er nicht fähig ist, seine eigenen Emotionen zu benennen!

Die Erwachsenen könnten
– das wäre ein Schritt, den ich sehr empfehlen würde –
sie sollten emotionaler mit ihm sprechen!

Also derzeit sprechen sie sehr in einer befehlenden Art.
Ich möchte ihnen empfehlen:
Ehe sie dieses tun, zuerst begründen,
welche Emotionen das Kind bei ihnen ausgelöst hat in ihnen
und dann den Befehl kommen zu lassen. 

Das könnte das Kind animieren:
Selber in dieser Weise sich zu artikulieren,
was sehr viele Aggressionen erübrigen würde!

Hajo: Ja, ich werde diese Empfehlungen weitergeben.

Elia: Ja.
Und ich möchte noch mal sagen: 
Sie sollten versuchen, herauszufinden, was ihnen gemeinsam ist:
Sei es eine bestimmte Musik oder sei es einen Film,
den sie alle gut finden
oder etwas, was sie alle schlecht finden.
Das muss sehr viel häufiger formuliert werden!

Also das ist eine Bewusstwerdung: Dass sie genauer hinschauen
und es mit dem Kind auch verbal zum Ausdruck bringen,
damit es das immer wieder hört.

Er kann „Wir sind eine Familie“ zur Zeit überhaupt nicht begreifen!

Dann möchte ich jetzt für heute schließen.
Ich denke, es war einstweilen Text genug.

Hajo: Ja, ich glaube auch.
Ich danke dir.

Elia: Gern geschehen.