Identifizierung

Elia – über Kinder, Teil 5: Die Identifizierung der Kinder mit der Familie und der Gruppe.

Entwicklung der Kinder
Teil 5:
Die Identifizierung der Kinder mit der Familie
Die Identifizierung der Kinder mit der Gruppe
Elia

Elia: Guten Abend, Hans-Jürgen.

Hajo: Guten Abend, Elia.

Elia: Nun also das Diktat.
Ich sprach davon, dass die Identifizierung in dem Alter,
das wir derzeit besprechen,
der zentrale Punkt im Dasein
für den heranwachsenden Menschen ist. 

Zuerst kommt also die Identifizierung mit der Familie.
Diese ist die Basis für alle weiteren Identifizierungen.
Das Kind hat gelernt: Ich Bin

Und es lernt nun: Wir sind und
Ich bin innerhalb dieser Gruppe an dem und dem Platz.

Innerhalb der Familie bedeutet das:
Dass jene Rolle, die dem Kind zugewiesen wird,
eine Chance, aber auch eine Bürde sein kann. 

Eine Chance dann, wenn das Kind begreift,
dass es eine angemessene Rolle
innerhalb des Familiengefüges spielen darf.

Aber dass heißt: Es ist eine Überforderung,
in dem man dem Kind eine Rolle zumisst,
die es noch nicht erfüllen kann.
Das ist genauso schlecht wie eine Unterforderung.

Ich möchte dies an einem Beispiel deutlich machen. 

Wenn wir einem Kind die Rolle des Beschützers zumessen
oder die Rolle des Partners zumessen
– und ich spreche hier nicht von einer sexuellen Beziehung,
sondern lediglich von einer sozialen Struktur –
dann überfordern wir ein Kind ungeheuerlich!

Wir zwingen es dazu, zu früh Erwachsen zu werden,
zu früh Verantwortung zu übernehmen!
Die es nicht in der Lage ist, zu tragen,
ohne daran seelischen Schaden zu nehmen.

Diese geschieht besonders häufig dann, wenn eine Familie
nur aus einem Erziehungsberechtigten besteht
und dem Kind.

Es geschieht auch dann sehr häufig,
wenn es sich um das älteste Kind handelt. 
Oder es geschieht dann,
wenn es eine Trennung zwischen Eltern und Kind gegeben hat.

Ich möchte darauf hinweisen:
Dass Erziehungsberechtigte darauf achten,
dass die Kinder nicht eine Lücke füllen,
die sie noch nicht füllen können!

Dieses geschieht sehr leicht!
Sehr leicht geraten Erziehende in die Versuchung,
aus dem Kind ihren Vertrauten zu machen!
Einen Vertrauten in allen Lebenslagen,
was eine schlichte Überforderung des kindlichen Gemütes ist.

Zur Kindheit gehört das Ausprobieren, welche Rolle gemäß ist!

Und ein Kind, das in solche Pflichten genommen wird,
wird gezwungen, dieses Verhalten aufzugeben,
um die Erwartungen des Erziehenden zu rechtfertigen.

Das andere Beispiel – das Gegenbeispiel – ist das Kind:
Dass
– obwohl es schon Fähigkeiten und Intelligenz besitzt,
die seinem Alter entsprechen-
immer noch wie ein Kleinkind behandelt wird.

Es bekommt kein Mitspracherecht,
es bekommt keine Achtung,
es wird nicht um seine Meinung gefragt.

Sondern es wird so gehalten,
als hätte es eben gerade laufen und sprechen gelernt.

Man vertraut diesem Kind in keiner Weise, man traut ihm nichts zu!

Auch das ist eine schwere Bürde für das weitere Leben.
Dieses Kind erlebt sich als grundsätzlich und prinzipiell hilflos.

Diese Grundeinstellung wird es dann vermutlich
auch sehr lange behalten,
selbst wenn das nur unterschwellig geschieht. 

Oder es wird überkompensieren
und sehr aufgeblasen nach Außen hin wirken.

Dies geschieht aus der Motivation heraus,
wo besonders die Mütter betroffen sind:
Das Kind niedlich zu halten, Beschützens wert klein.
Je kleiner das Kind ist, um so größer erscheint der Erzieher.

Hier handelt es sich um Erziehende,
die ein sehr geringes Selbstwertgefühl haben
und dieses auf Kosten des Kindes zu steigern versuchen.

Nicht jede Zärtlichkeit ist wirklich angemessen! 
Hütet euch davor, eure Kinder zu sehr zu behüten,
zu sehr mit Zärtlichkeiten zu überstürzen.

Ein solches Kind fühlt sich von der Mutterliebe aufgefressen!
Es hat keine Chance,
seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln!
Es sei denn, es verhält sich klein.

Wollt ihr, dass diese Kinder, wenn sie erwachsen sind,
die gleiche Lebenseinstellung haben? 

Sich stets klein machend, sich stets niedlich machend?
Und niemals Ernst genommen werden?

Ich möchte beiden Seiten folgende Fragen stellen.

Denkt euch, euer Kind sei ein Erwachsener.
Und denkt euch:
Ihr seid die Gesellschaft, in der es zu agieren hätte.

Dann wisst ihr, welchen Weg dieses Kind nehmen wird. 
Diese Übertragung ist genau so, wie ich sie gerade schildere.

Ihr seid die Gesellschaft,
das Kind ist dann der darin agierende Erwachsene.
Die Rolle, die ihr miteinander spielt,
wird er auch später spielen, ohne es zu wissen!

Also das Fazit daraus: 
Die Rolle, in die das Kind innerhalb
des familiären Gefüges gepresst wird,
entspricht jener Rolle,
die es später im Leben,
im Beruf,
in der Nachbarschaft
oder in einer Gruppe haben wird. 

Hier bei euch in der Familie lernt es die Fundamente dessen:
was man soziales Verhalten nennt.

Und ihr seid es – ausschließlich ihr! – die dafür verantwortlich sind,
in welchem Maße es innerhalb eines sozialen Gefüges
agieren kann oder auch nicht.

Hast du dazu Fragen, Hans-Jürgen?

Hajo: Ich erlebe es in großen Familien,
dass Kinder in eine Rolle hinein rutschen, die noch keiner hat.

Manche Kinder sind da nicht so glücklich mit der Rolle,
die sie da spielen.
Haben die eigentlich gar keine Chance, da herauszukommen?

Nein, haben sie tatsächlich nicht!
Es sei denn, es wird ihnen bewusst!

Denn sie werden dieses Rollenverhalten
auch innerhalb eines Freundeskreises
oder auch innerhalb eines Schulklasse führen.

Es ist tatsächlich das Fundament, es ist das, was sie lernen.

Sie können nur dann heraus kommen,
wenn sie sehr viel älter sind und dann in der Lage sind,
diese Prozesse kritisch zu hinterfragen.

Dass heißt ja auch,
sich selbst und das eigene Verhalten zu hinterfragen
und nach Ursachen zu forschen.

Ich möchte dir und auch den Lesern den Hinweis geben:
Dass die Dinge, die ich hier über Erziehung sage,
nicht ausschließlich für Erziehende und deren Kinder gedacht sind.

Sondern auch durchaus für Jeden der Leser selbst!

Hier mag sich Jeder selber fragen:
Wie war das bei mir? 

Und welches Rollenspiel spiele ich eigentlich,
weil in meiner Familie mir
eine bestimmte Position zugedacht wurde?

Habe ich deine Frage jetzt beantwortet?

Hajo: Ja.

Elia: Gut. Also, ich halte fest.
In der Familie selber wird die Basis
für jede Form von Rollenverhalten
im sozialen Umgang mit Anderen festgelegt.

Dieses ist möglich, weil das Kind zu dem Zeitpunkt
schon eine Identifizierung mit der Familie hat.

Wäre es nicht so, würden diese Erwartungen an ihm abprallen.
Aber es ist in der Zeit von sieben bis zwölf Jahren
sehr offen für solche Rollenverteilung1

Ich möchte jetzt auf den weiteren Aspekt zu sprechen kommen.

Die Familie ist die Basis!
Es geht weiter mit den Schulkameraden und Spielkameraden.

Wie ich schon sagte:
Es wird das Kind Verhaltensmuster aus seiner Familie
innerhalb seines Freundeskreises nachspielen
oder das exakte Gegenteil versuchen, zu spielen.

Entsprechend wird auch die Gruppe
mit diesem Kind verfahren und sich verhalten.

Dass heißt: Das Kind, das in der Familie
den extrem Vernünftigen spielen musste
oder Jenes, das besonders viel Verantwortung trug,
wird dies auch innerhalb der Gruppe versuchen, zu tun.

Und man wird darauf entweder so reagieren,
dass man dies benutzt:
Um ihn sehr viel mehr Aufgaben aufzubürden,
als er tragen kann!

Oder man wird ihn, da er ernster ist als die Anderen,
nicht akzeptieren!

Das Gleiche gilt für jene, die besonders Klein gehalten wurden.
Man wird sie nicht Ernst nehmen!

Dass heißt: Hier wiederholt sich dieses Rollen-Muster,
das sich in der Familie abgezeichnet hat.

Der richtige Weg in der Familie:
Dass heißt, dem Kind den Freiraum geben,
seine Rolle selbst zu definieren und zu finden!
Es freudig zu beobachten und ihm wirklich ein Begleiter zu sein
bei der Rollen-Findung!
Das wird man nicht sehr häufig finden,
aber das wäre der Idealfall!

Denn ein solches Kind kann innerhalb
des Gruppengefüges frei fluktuieren!

Es kann sich entscheiden, ob es Verantwortung übernimmt
oder ob es einmal schwach sein möchte:
Ganz wie es seinem derzeitigen Standpunkt entspricht
und seiner Gefühlswelt entspricht.

Die Identifizierung mit der Gruppe,
mit der Clique
– ich weiß nicht, Gang sagt man wohl auch inzwischen –
ist auch sehr wichtig!
Besonders für jene Kinder,
bei denen es an häuslicher Harmonie mangelt.

Die suchen sich in diesen Kleingruppen
wiederum ein Familiengefüge.

Auch in diesen Kleingruppen bilden sich Strukturen,
wie sie in der Familie vorhanden sind:
Jemanden, der väterlich ist,
Jemanden, der mütterlich ist
und Jemanden, der das kleine Kind spielt.

Es ist sehr erstaunlich, dies zu beobachten!
Aber genauso funktioniert nun einmal das Mensch sein!

Ich möchte betonen,
dass der Mensch an sich ein extrem soziales Wesen ist.

Dies ist er in jeder Ebene, auch in der jenseitigen Ebene! 

Ihr seid in eurem Wesen soziale Wesen!
Selbst ein Einzelgänger ist im Grunde seines Herzens jemand,
der die Gesellschaft sucht,
der die Beachtung der Anderen sucht,
der die Hochachtung der Anderen sucht.

Ein Mensch, der im sozialen Gefüge abgelehnt wird
– und das gilt auch für Kinder –
ist ein sehr unglücklicher Mensch.
Ein sehr wichtiger Teil seines Wesens
findet keine Entsprechung!

Nichts, wirklich nichts kann das Selbstwertgefühl
eines heranwachsenden Kindes so sehr erschüttern
wie Ausgegrenzt zu sein aus dem sozialen Gefüge,
in dem es sich befindet!
Sei es die Familie,
sei es der Klassenverband,
sei es die Clique.

Ausgegrenzt sein von Anderen ist der schlimmste Schmerz,
mit dem ein Kind im Alter von
sieben bis zwölf Jahren fertig werden muss.

Hiermit möchte ich das heutige Diktat beenden.

Hajo: Ja, schönen Dank, Elia.
Es war wieder sehr interessant.

Elia: Ich wünsche noch einen schönen Abend.
Lasst es ruhig angehen.

Hajo: Ja, Danke.