Weiblichkeit

Elia – über Kinder, Teil 9: Pflichten und Verpflichtungen für ein Kind.

Entwicklung der Kinder
Teil 9:
Pflichten und Verpflichtungen für ein Kind.
Elia

Gut, reden wir also von Pflichten und Verpflichtungen.

Hier geht es um einen Bereich,
den ich nicht auf ein spezielles Alter beschränken möchte.

Ich möchte aber, dass ihr euch darüber im Klaren seid,
dass es eine Thematik ist, die sich von den ersten Jahren an
bis hin zum Erwachsen werden durchzieht
als ein kontinuierlich wachsender Prozess.

Es ist also etwas, wo ihr die ersten Anfänge
mit vier Jahren etwa legen könnt
und was sich dann aufbauend weiter bewegen kann.

Es geht um Pflicht und Verpflichtung.

Eine Pflicht zu haben, etwas tun zu müssen,
was nicht meinem inneren Antrieb, meinem Wunsch entspricht,
ist eine Erfahrung, die das Kind zum allerersten Mal
mit vier Jahren tun kann und auch tun sollte.

Es ist sehr negativ belegt in eurem Denken, eine Pflicht zu haben!

Das liegt daran, dass stets über Pflichten gesprochen wird,
als wäre sie eine ungeheure Last, eine Bürde, ein Opfer,
das man geben müsse.

Aber das ist nur eine Frage der Erziehung!
Diese Einstellung kann auch durchaus anders aussehen: 
Ich habe die Kraft, Pflichten zu erfüllen.
Und ich habe das Wissen, eine Verpflichtung wahrzunehmen.
Ich habe die innere Integrität, eine Pflicht zu erfüllen.

Das kann etwas sehr Positives sein, etwas, worauf das Ich sehr stolz ist
und woran es sich immer wieder erfreuen kann.

Somit ist durchaus ein Lust-Effekt
mit einer erfüllten Pflicht verbunden.
Das ist lediglich eine Frage, wie ich mich der Thematik stelle.

Und die wiederum – diese innere Einstellung –
hängt einzig und allein
von eurem Vorbildcharakter als Erziehender ab
und davon, wie ihr das vermittelt.

Es mag viele Erziehende erstaunen,
wenn ich das beginnende Alter mit vier Jahren beziffere.

In aller Regel wird das heute in eurer Erziehung
nicht mehr so gesehen!
Sondern man versucht,
das Kind möglichst unbehelligt von jeder Verpflichtung zu halten.

Das liegt zum einen sicherlich an erzieherischen Strömungen,
die sich in den letzten dreißig Jahren in der Gesellschaft
mehr und mehr durchgesetzt haben.

Allerdings hätten die sich nie durchsetzen können,
wenn es nicht so wäre,
dass es eine Belastung für den Erziehenden ist,
einem kleinen Kind beizubringen,
dass es Pflichten zu erfüllen hat.
Dass heißt: Dass es sich einer Frustration stellt.

Denn das kleine Kind ist frustriert.
Es wird eingeschränkt in seinem Willen,
in seinem Wunsch, nur tun und lassen zu können,
was ihm gerade beliebt.

Und es widersetzt sich. 
Es wird anstrengend! 
Das mag sich in Schreien äußern,
das mag sich in Weinen äußern,
kurz und gut: Es ist lästig.

Und ich sage es unumwunden: 
Eltern-Erziehende neigen dazu,
sich diesem Stress nicht auszusetzen
und dem Kind keine Pflichten zu geben.

Ich bitte euch: Macht euch einmal bewusst,
wie viel inneres Einverständnis
mit sich selbst einem Kind zuwächst,
das immer wieder erfährt: 
Ja, ich kann Pflichten erfüllen.
Ja, ich kann für mich sorgen und für Andere sorgen.
Ich kann Verantwortung übernehmen für mich und für Andere.

Und macht euch bewusst, was es für ein Kind heißt,
wenn es diese Erfahrung nicht macht.
Es wird unsicher!

Es wird es gerade in dem Moment,
in dem tatsächliche Verpflichtung von ihm erwartet wird:
Zum Beispiel
verpflichtet sein, Hausaufgaben zu machen,
verpflichtet sein, Ordnung zu halten,
verpflichtet sein, Leistung zubringen.

Gerade dann fehlt ihm die Basis dafür,
dass es tatsächlich in der Lage ist,
etwas Derartiges auf sich zu nehmen.

Es gibt dann, wenn diese Kinder 15, 16 sind, die Situation,
dass sie plötzlich Erklärungen für ihr Versagen brauchen.

Die gipfeln darin, dass sie behaupten,
eine schlechte Hausaufgabe gemacht zu haben,
weil sie gerade demotiviert waren.

Demotivation als Begründung für nicht wahr genommene Verpflichtungen: 
Ich bitte euch, dieses mal in der vollen Gänze der Bedeutung zu erfassen.

Was heißt das für eine Gesellschaft,
in der Menschen heranwachsen,
die ihre eigene Demotivation als Begründung
für persönliches Pflichtvergessen sein nehmen?
Was bedeutet das?

Es bedeutet, dass das soziale Miteinander nicht tragfähig ist,
weil die Menschen nur darauf schauen möchten, was ihnen frommt.

Doch euer Leben besteht nur zu einem Teil aus Pflicht,
euer Leben ist mehr als eure eigene innere Motivation,
eurer Lust nachzugehen.

Euer Leben ist dann zutiefst befriedigend,
wenn es im Einklang steht mit dem Leben Anderer,
wenn es im Einklang steht mit den Dingen,
die von euch von Außen gefordert wird.

Es gibt selbstverständlich auch die andere Seite. 
Es gibt selbstverständlich auch Erziehende und Eltern,
die von einem heranwachsenden Menschen zu viel Pflichten verlangen!

Doch ist dieses eher eine Problematik vergangener Generationen.
Die neue Generation wächst mit dem extremen Gegenteil auf.

Dies ist im Übrigen ein Aspekt, den ihr in der menschlichen Entwicklung
– sofern ihr euch mit eurer Historie beschäftigt –
immer wieder finden werdet: 
Die menschliche Entwicklung läuft in einer Pendelbewegung.

War in den letzten Jahrhunderten
das Prinzip der Strenge übertrieben
und zum großen Nachteil für die Menschen, die inkarnierten,
ist es nun das exakte Gegenteil:
Es fehlt an Strenge, es fehlt an Richtlinien
und es fehlt an Verpflichtungen.

Ich möchte euch empfehlen, dass ihr
– angemessen an das Alter eurer Kinder –
diese Kinder mit Pflichten konfrontiert,
wobei in den allerersten Jahren es vorwiegend um kleine Aufgaben geht.

Kleine Aufgaben, die sie für die Gemeinschaft, in der sie leben,
zu erfüllen haben.
Das müssen keine Dinge sein, die von dem Kind
schwere körperliche oder geistige Leistungen erfordern.

Aber es sollten Dinge sein, die regelmäßig von ihm verlangt werden.
So könnte zum Beispiel durchaus ein sechsjähriges Kind
jeden Tag dazu angehalten werden, für die Familie den Tisch zu decken.

Oder so könnte ein zwölfjähriges Kind durchaus animiert werden,
den Eltern dabei zu helfen, die Fenster zu putzen.

Ihr seid mit der Verteilung der Aufgaben und Pflichten
innerhalb der Familie viel zu sehr darauf ausgerichtet,
dem Kind einen Schonraum zu geben
und viel zu wenig in eure Familie
– auch was Pflichten angeht –
zu integrieren.

Das führt dazu, dass ihr in diesem Kind den Eindruck erweckt,
dass es einen Sonderstatus hat. 
Es führt dazu, dass ihr im Endergebnis
zu einer so genannten „Versorger-Mentalität“ kommt.

Das Kind erfährt, dass es versorgt wird,
dass die Eltern die Aufgabe haben, seine Bedürfnisse zu decken.
Und ansonsten?
Welche Verpflichtungen hat das Kind euch gegenüber?
Darüber wird nicht mehr nachgedacht!

Wir sind von einem Extrem ins Andere gependelt
über die Jahrzehnte.
Am Beginn des letzten Jahrhunderts war es nur Wenigen
und einer elitären Schicht erlaubt, Kinder so zu behandeln.

Und mit dem aufsteigenden Wohlstand
der allgemeinen Bevölkerung
gaben immer mehr Eltern den Kindern auch keine Pflichten auf.

So wie jene aus der elitären Schicht
keine solche Verpflichtung zu haben schienen.

Am Anfang musste die Großzahl der Kinder
körperliche Arbeit leisten.

Es musste dazu beitragen, dass es genug Nahrungsmittel
und genug Reserven innerhalb der Familie gab,
um Grundbedürfnisse zu erfüllen.
Oft in einem viel zu großen Umfang!

Aber das heißt nicht,
dass diese Art der Pflichterfüllung tatsächlich negativ ist.
Nur das Ausmaß war gänzlich übertrieben.

Kleine Pflichten, kleine Dinge, die dem Kind abverlangt werden,
obwohl es keine Lust hat, dies zu tun,
stärken sein Selbstbewusstsein.
Heben es in der Position innerhalb der Familie auf einen Stand,
in dem es auch Mitspracherecht hat.

Denn jemand, der für eine Gemeinschaft eine Funktion ausübt,
hat auch das Recht, Entscheidungen der Gemeinschaft mitzutragen.

Dieses ist eine Erfahrung, die Kinder sehr gut begreifen können
und die sie sehr darin bestärken, einen Selbstwert zu entwickeln.