Elia: Du bist in einer ganz aktiven Phase der Selbstfindung.

Und deshalb versuchst du,
auch die Urteile, Bedenken, Anmerkungen Anderer
über deine aktuellen Zweifel einzuholen.

Elia

Zu Gast ist Anita.

E: gut. Deine nächste Frage bitte.

A: Ich hab eine Frage zu dem Sinn von Krankheiten.
Und ich war ja jetzt,
bevor ich hier wohlbehütet und wohl bewahrt angekommen bin, krank.
Und ich hätte gerne eine Idee von dir:
Wie finde ich meine Grenze, wann ich aus einer Pflicht rausgehen darf?
Ich möchte niemanden enttäuschen oder verletzen,
wenn ich eine Behandlung absage,
Patienten anrufen muss, dass ich krank bin und nicht kann.
Das fällt mir schwer.

E: Ich muss das trennen.

Der Sinn von Krankheiten, das ist etwas sehr Langes.

Und hier hätte ich eine Bitte an Hajo und Uta,
ob ich darüber vielleicht im Laufe dieses Wochenendes
noch einmal länger referieren darf. Es wäre mir sehr wichtig.

H: Ja.

E: Jetzt aber zu dir selber.
Wo ist die Grenze?
Wann darf ich für mich eintreten
und damit meine Verpflichtung oder Verabredung versäumen?

Die Grenze liegt dort, wo du Schaden anrichtest, aktiven Schaden.

Entweder Schaden dir selbst gegenüber, aktiv,
oder Schaden den Personen gegenüber, bei denen du in der Pflicht bist.
Das ist eigentlich sehr natürlich, oder?

A: Ja.

E: Die Frage ist hier:
Warum ist es für dich unnatürlich, warum weißt du es nicht?

Hier sind wir wieder bei deiner Kindheit.
Du musstest deine Existenzberechtigung unbegrenzt beweisen, ja?

A: Ja.

E: Das brauchst du heute nicht mehr gegenüber deinen Klienten.
Sie wissen, dass du sie heilen willst.
Sie wissen, dass du diejenige bist, die ihnen weiterhilft.
Sie wissen, dass du nicht spielst.

Aber du weißt es nicht!
Du unterschätzt deine Ernsthaftigkeit und dein Engagement.
Du unterschätzt es!
Du unterschätzt die Wahrheit deiner Liebe.
Sicher sind es deine Patienten Menschen,
die dir helfen, dein Einkommen zu haben, natürlich.
Aber deswegen allein tust du das nicht.

Sondern du tust das,
weil du in deinem Innern diese Strebung der Schöpfung hast: Krankes zu heilen, Schwaches zu stärken.

Ja?

A: Hm.

E: Das ist dein Motor. Und das möchtest du gut machen.
Das wissen sie alle… sie wissen das.
Aber du nicht.

Du bist voller Misstrauen dir selbst gegenüber.
Und zwar nicht, was deine Fähigkeiten angeht,
sondern was deine Motivation angeht.
Und damit du dir selber glauben kannst, dass du es gut meinst
und gut bist, meinst du, auf gar keinen Fall deine eigenen Interessen
über die deiner Patienten zu stellen.

Dort, wo du Schaden bei dir anrichtest, ist die Grenze!

Versprochen?

A: Versprochen und vielen Dank.

E: Gibt es noch eine kurze Frage?
Sonst würde ich das ganz gerne in einem zweiten Gespräch vertiefen,
wenn es um Krankheiten und ihren Sinn geht?
Denn auch das ist einer der Gründe, warum Krankheiten existieren.

A: Ganz kurz noch:
Es hat mich in den letzten Wochen sehr beschäftigt,
dass ich das Gefühl habe, dass ich überempfindlich bin
und vieles zu persönlich nehme.
Was möchte ich eigentlich fragen?

E: Vermutlich, ob ich das auch so sehe?
Nein, das sehe ich nicht so.
Nein, du bist in einer ganz aktiven Phase der Selbstfindung.
Und deshalb versuchst du, auch die Urteile, Bedenken, Anmerkungen Anderer über deine aktuellen Zweifel einzuholen.

Dazu möchte ich etwas erklären:
Es gibt zwei unterschiedliche Menschentypen.

Es gibt Menschen, die machen erst einmal die Dinge mit sich selber aus,
die urteilen aus sich heraus
und ziehen erst dann Meinungen Anderer eventuell mit in Betracht.

Das hat nichts mit Egoismus zu tun.
Das ist einfach eine Frage der Wahrnehmung.

Und es gibt andere Menschen, die erst einmal die Urteile anderer sammeln, sie bündeln und dann zu einem eigenen Fazit kommen.
Beide Vorgehensweisen sind völlig in Ordnung und berechtigt.
Es gehört zum so Sein, wie Jemand,
der gut riechen kann und der Andere kann besser sehen.
Wer will da sagen, was richtig ist?

Bei dir ist es so,
dass das Urteil der Anderen eingezogen werden muss,
um dann selbst zu einem eigenen Urteil zu kommen.

A: Ja, das macht mich ärgerlich.

E: Das sollte es nicht.
Aber du solltest klugerweise überlegen, wen oder was du fragst.
Das ist noch ein wenig ungeschliffen, um es einmal so zu sagen, ja?

A: Hm.

E: Hier könntest du dir vielleicht – gemeinsam mit Uta –
neue Möglichkeiten überlegen,
wen du in die im Grunde Entscheidungsfindung, Urteilsfindung
einbeziehen kannst, wen oder was?

Aber dass du ohne diese Außen-Meinungen zu einem Ergebnis kommst,
das wird nicht passieren können.
Nicht weil du hier ein Manko hast, sodass du dich ärgern musst,
sondern weil das dein so Sein ist.

Viele Menschen sind so.
Das ist der Grund, warum es psychologische Literatur gibt
oder theologische, warum die Menschen nach Kriterien suchen,
aufgrund dessen sie etwas beurteilen können
wie zum Beispiel Charakterbeschreibungen oder Astrologie oder, oder, oder.

So vieles ist deshalb entwickelt worden,
weil fünfzig Prozent der Menschheit
so zu ihren Ergebnissen kommt, ja?

A: Ja.

E: Deshalb achte es bitte.
Es ist ein Teil von dir.
Du kommst ja auch zu deinen eigenen Ergebnissen.
Da hat sich viel getan.
Da ist eine große Weiterentwicklung passiert.
Du kommst zu eigenen Urteilen.

Manche Urteile allerdings, die hast du noch aus der Kindheit über dich.
Die gilt es, zu revidieren.
Und es sind eben all jene Punkte
– und die bitte ich, dass ihr die ausarbeitet –
es sind all jene Punkte, in denen dein so Sein nicht genügte,
damit dein Vater wie die Sonne glänzen konnte.

Das, Anita, das muss jetzt erwachsen werden!
Ein Kind glaubt dem Vater.
Eine erwachsene Anita muss verstehen,
dass die Urteile von damals das Resultat einer Seele waren,
die in ihrer Entwicklung noch so klein war,
dass sie sich zu blähen suchte.

Versucht bitte, zu einer klaren Analyse zu kommen.
Was ist das Ziel?
Ich möchte das vorgeben. 
Anita, das Ziel ist, das Wunder der Normalität anzuerkennen.

Ein Widerspruch?
Nein, alles, was lebt, ist ein Wunder
und trägt in sich die Möglichkeiten von Wunderbarem,
das immer wunderbarer wird, aber nie perfekt.

Ich möchte, dass ihr gemeinsam nach dem forscht,
was normal ist und dennoch großartig.

Ich möchte, dass du auf dich schaust und sagst: 
„Ja, das bin ich, und es ist genug.
Und ja, das bist du und es ist genug.“

Das erfordert viel Mut, Anita.
Das setzt voraus, dass du allen Seelen, die sich noch aufblähen müssen, eine harte Wahrheit zu sagen hast.
Und die harte Wahrheit lautet:

„Es macht nichts, dass du so klein bist, dass du dich aufblähst.
Irgendwann verstehst auch du, dass Normal sein genug ist.“

Ja?

A: ja.

E: Du wirst mit diesen Menschen noch sehr viel zu tun haben,
sowohl jenen, die klein sind und sich groß machen,
als auch jenen, die groß sind und sich klein machen:
mit den Kugelfischen und den Häschen.

Und dann wirst du so offen werden,
aus der Begegnung mit dir selbst ihnen
ein guter Zeuge der Wahrheit sein.

Normal ist gut und genug.

Ich wünsche dir eine gesegnete Nacht.

Ich wünsche dir Lachen über die Irrungen und Wirrungen,
was Groß und Klein, Schräg und Gerade ist in der Seelen-Welt.

Schlaf gut, träume wahr und denke immer daran, wir bewahren dich, Anita.
Guten Abend.

Hajo: Guten Abend, Elia.
Anita: Guten Abend, danke.