142

Elia – Es gibt nicht den Ideal-Vater.

Ein Vater, der zu langsam ist,
um den Ball ins Tor zu bringen,
der hat auch eine Botschaft an seine Kinder.

Er sagt ihnen:
„Schaut, es gibt Dinge, die kann ich nicht.“

Und das ist gut, dass er ihnen das sagt.
Denn dann können sie auch sagen:
„Es gibt Dinge, die kann ich nicht.
Aber es gibt andere Dinge,
die kann ich wie kein anderer.“

Niklas, diese Worte, die ich zu dir jetzt gesprochen habe,
die hätte dein Vater zu dir sprechen müssen
zur rechten Zeit.

Das konnte er nicht.
Nun tue ich es stellvertretend.
Aber ich tue es, weil es in dir wahr ist.
Elia

Zu Gast ist Niklas.

Elia: Guten Abend, liebe Freunde.

Hajo: Guten Abend, Elia.

Niklas: Guten Abend.

E: Ich freue mich, Niklas, dass du zu uns gefunden hast.

N: Ich freue mich auch.

E: Es ist ein ungewöhnlicher Augenblick für dich.
Und allein der Umstand,
dass du dich auf so Ungewöhnliches einlässt,
zeigt, wie ernst du deine Verantwortung nimmst.

Ich beginne den heutigen Abend mit dem Thema „Verantwortung“.
Ein Mann ist erst dann in den Völkern der Menschheit
ein Mann, wenn er Verantwortung trägt.
Es ist seit Urzeiten so! 
Und es ist zu Recht so!
Denn in ihm liegt die Fähigkeit,
sich über das Emotionale gegebenenfalls hinaus zu begeben,
um verantwortlich Recht zu tun.

Du kennst das aus deinem Beruf.
Das Rechtssystem ist fernab von Emotionalität mit gutem Grund:
Sympathie und Antipathie dürfen keine Rollen spielen.

Heißt das nun,
dass ein Mann solcherlei Emotionen nicht hegen darf?

Nein, keinesfalls.

Aber in dem Moment, in dem er Verantwortung trägt,
muss er in der Lage sein, sich darüber zu erheben.
Das ist das Männlichste,
das Väterlichste,
was Männer ihrer Umwelt schenken können.

Niklas, ich beginne deshalb damit,
weil Verantwortungsbewusstsein
in deiner Seele zutiefst angelegt ist – zutiefst!

Aber dir fehlt dafür jegliches Wahrnehmungsvermögen!
Du siehst es gar nicht.
Du siehst all die kleinen verantwortlichen Entscheidungen,
die du tagtäglich triffst,
trotz deiner emotionalen Situationen gar nicht.

Du siehst gar nicht:
Wie oft du deine Angst geringer achtest
als dein Verantwortungsbewusstsein
und wie oft du deine Müdigkeit geringer achtest
als die Verantwortung, die du trägst.
Das ist so selbstverständlich.

Deshalb möchte ich diesen Abend genau damit beginnen.
Du bist ein zutiefst Verantwortungs-fähiger Mann geworden.

Und nun stell mir bitte deine Frage.

N: Elia,
ich habe viele Erkenntnisse über mich vom Wissen her erlangt.
Ich weiß, dass mich mein Gewicht interessieren müsste.
Ich weiß, dass die Drogen, die ich nehme,
mir grundsätzlich nicht gut tun.
Aber es fehlt mir am Ende an Elan, etwas dagegen zu tun.

Ich frage:
Wie ich es schaffe, in meine Stärke zu kommen?
Wie ich es wirklich schaffe, diese Lethargie zu besiegen?

E: Darf ich Punkt für Punkt beantworten, Niklas?

N: Ja.

E: Nehmen wir dein Gewicht.
Wer sagt dir, dass du sportlich sein müsstest?

N: Mein Verantwortungsbewusstsein gegenüber meinen Kindern?

E: So?
Und du meinst, dass sie einen Vater,
der immer hinten in der Reihe läuft,
weniger schätzen würden als den, der vorne rennt?

N: Nein. Aber ich glaube,
sie hätten mehr Spaß und Freude an mir.

E: Niklas, es gibt in dieser Welt
schnelle und langsame Menschen,
dicke und dünne,
starke und schwache,
blonde und braune,
solche mit langen Nasen und solche mit kurzen Nasen.

Und es ist gut, wenn deine Kinder von Klein auf lernen,
dass es darauf gar nicht ankommt.

Spaß, Niklas, kann man vor allem mit deinem Geist haben,
mit deiner Fantasie,
mit den Geschichten, die du erzählen kannst.

Der Spaß, den du deinen Kindern geben kannst,
sieht eben anders aus.
Es ist ein geistiger Spaß.
Meinst du, wenn sie den nicht suchten und bräuchten,
hätten sie dich als Vater gewählt, hm?

N: Ich glaube, sie haben mich schon bewusst als Vater gewählt.
Meine Tochter hängt sehr an meinen Geschichten.

E: Ja!
Und dein Sohn auch.
Es sind jedem Menschen andere Gaben geschenkt.

Es gibt nicht den Ideal-Vater!

Ein Vater, der zu langsam ist,
um den Ball ins Tor zu bringen,
der hat auch eine Botschaft an seine Kinder.
Er sagt ihnen:
„Schaut, es gibt Dinge, die kann ich nicht.“

Und das ist gut, dass er ihnen das sagt.
Denn dann können sie auch sagen:
„Es gibt Dinge, die kann ich nicht.
Aber es gibt andere Dinge,
die kann ich wie kein Anderer.“


Niklas, diese Worte,
die ich zu dir jetzt gesprochen habe,
die hätte dein Vater zu dir sprechen müssen zur rechten Zeit.
Das konnte er nicht.
Nun tue ich es stellvertretend.
Aber ich tue es, weil es in dir wahr ist.

Wenn du dich anschaust und in den Spiegel siehst,
dann schaust du deine Defizite und das ist schade!

Wenn ich dich anschaue,
dann sehe ich jemanden,
der aller Ehre wert ist!
Der sich tapfer durch ein Leben schlägt
und versucht, in einer Welt,
in der das Übervorteilen Anderer
zum Gesellschaftsspiel geworden ist,
wahr und ehrlich zu bleiben.
Den sehe ich!

Wenn du deine Frau fragen würdest,
wenn du mit ihrer Seele sprechen könntest
und sie fragen würdest wie ein Kind:
„Findest du mich schön?“

Dann würde sie lachen und ihre Seele würde antworten:
„Ja, schön und vertraut!
Wie kann man Besseres sein?


Dein Drogenkonsum…

Niklas, die größte Last, die du trägst,
ist dein eigenes Selbstbild.

Das Gefühl, nicht ausreichend zu sein,
das Gefühl, nicht genug zu fühlen…

Zu wissen, dass du deine Kinder liebst,
aber es nicht fühlen zu können…

Zu wissen, dass du jetzt in diesem Moment deine Frau liebst,
aber es nicht fühlen zu können…

Es immer nur zu wissen, zu wissen!
Zu wissen, das hat großen Schmerz in dir gemacht.

Darum hilfst du dir mit diesen Mitteln.

Es ist nicht an mir, zu sagen, lass es.
Weil ich weiß:
Es wäre so, als würde ich jemandem,
der ein Bein gebrochen hat, sagen:
Lass den Gips weg.

Ich möchte aber, dass du verstehst,
dass das Bein gebrochen ist.
Nur so kannst du deinen Lösungsweg einordnen.
Du wirst traurig an all den Vorgaben,
die du dir selber machst,
wenn du dich nicht an dem orientierst,
was möglich ist.

Solange das Bein gebrochen ist, braucht es den Gips.

Warum du das Fühlen durch Wissen ersetzt hast,
das liegt in deiner Kindheit.
Und ihr werdet ganz gewiss morgen,
wenn ihr eure Familie aufstellt,
darauf stoßen, dass es klug von dir war.

Klug! deine Gefühle zu versachlichen.
Es war die Möglichkeit – die Einzige – 
seelisch intakt zu bleiben, ja?

Hast du mich verstanden?

N: Ja.

E: Deine nächste Frage war?

N: Die Frage nach meiner Lethargie.

E: Die Lethargie schützt dich vor Risiken:
Vor dem Risiko, Fehler zu begehen…
Vor dem Risiko, der eigenen Schwäche zu begegnen…
Vor dem Risiko, vielleicht doch nicht so stabil zu sein,
wie du nach Außen wirken möchtest.

„Wenn ich mich nicht bewege, nichts verändere,
dann brauche ich nur noch halten, was da ist.
Dann riskiere ich nichts“.

Auch hier hat diese Entwicklung
ihren Anfang in der Kindheit genommen,
darüber hinaus aber auch in einer anderen Inkarnation:

„Ich riskiere gar nichts!
Denn wenn ich das tue, schaffe ich es nicht.“

Das vermeintliche Versagen müssen bei Herausforderungen,
das vermeintliche „nicht erreichen können gesteckter Ziele“
ist eine Illusion deiner Seele,
gestärkt durch die Familie,

in die du hineingeboren wurdest!
Aber ursächlich in einem vergangenen Leben!

„Ich schaffe es nicht, etwas zu verändern.“

Ich bin der Meinung, dass du versuchen solltest,
deine Seele davon zu überzeugen,
dass sie hier nicht korrekt urteilt.
Denn tatsächlich hast du selbst in diesem Leben
viel versucht und viel geschafft.

Nur: Mit wem misst du dich?
Wirklich mit deinen Möglichkeiten
oder mit denen Anderer?
Es ist nicht leicht,
die eigenen Möglichkeiten realistisch einzuschätzen.
Das schließt nicht nur die geistigen
und körperlichen Fähigkeiten ein,
sondern auch die psychischen und auch die karmischen.
Erst dann!
Erst dann kann ich entscheiden,
ob ich mir: „Mir“ gut genug bin.

Lethargie als Schutz:
Wenn man etwas schützt, dann heißt das,
dass eine Bedrohung da ist.
Und manchmal ist diese Bedrohung schon längst weg,
aber man schützt weiter.

Und genau, das ist hier der Fall! 
Den Bedrohungen Adieu sagen,
das wird die Aufgabe des Wochenendes sein!
Ganz gewiss.

Die Lethargie freilich, die Neigung die Dinge auszuhalten, auszusitzen, die wird gewiss immer in gewisser Weise da sein.
Das liegt an deinem Temperament.
Kennst du Elefanten?

N: Ich denke ja.

E: Ja, ja.
Sie können auch sehr lange etwas aussitzen!
Aber geraten sie wirklich in Zorn,
sind sie unglaublich schnell, zielgerichtet und stark.

Niemand sollte von einem Elefanten erwarten,
dass er wie ein Prärie-Pferd über die Weide galoppiert.
Gemächlich ist sein Schritt und gewöhnlich.
Ist das falsch?

N: Das ist seine Natur.

E: Ja!
Gemächlich ist dein Schritt durch die Welt, lieber Niklas.
Es ist deine Natur.
Es hat große Vorzüge.
Wer gemächlich geht, bemerkt Kleinigkeiten.
Dinge, die die Schnellen und Rasenden übersehen.

Das ist eine Fähigkeit, die du auch hast:
Kleines zu bemerken, das gut ist und schön.
Genießen zu können, das ist deine Fähigkeit.


In Frieden zu sein mit dir! 
Auch das ist eine Fähigkeit,
die es allerdings zu befreien gilt.


Gemütlich sein können:
Was für eine Gnade für deine Umgebung
in einer so hektischen und lauten Umwelt.
Wenn dich aber deine Gemütlichkeit hindert,
deine Verantwortung wahrzunehmen
– wenn der Elefant aus seinem gemütlichen Trab
auch in Situationen der Bedrohung nicht herauskommt –
dann ist Lethargie eine Gefahr.

Und dies zu unterscheiden, gilt es zu lernen, ja?

N: Ja.