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Elia – Weißt du, was unser Kampf ist? Die Menschen aus ihrer Angst zu holen!


Weißt du, was unser Kampf ist?
Die Menschen aus ihrer Angst zu holen!
Denn es ist nichts als Angst,
was zu den Dummheiten
und Ungerechtigkeiten führt.

Nichts als Angst!

Elia

Zu Gast ist Maria.

Elia: Guten Abend, liebe Freunde.

Hajo: Guten Abend, Elia.

E: Guten Abend, Maria.

Maria: Hallo.

E: Ein Herz, zerrissen in sich selbst, Fragen stellend?
Eigentlich nicht.
Anklagen oder…
Oder auf Antworten hoffen,
die gestellt werden ohne Fragen.
Verlassen sein, hilflos in sich selbst.

Tausend Antworten finden
und keine kann ins Herz kommen.

Nichts ist wahr!
Das sind jene Empfindungen,
die ein Mensch spürt und die ihn umtreiben,
wenn er in einer Glaubenskrise ist.

Es ist sehr leicht, jemanden zu lieben,
wenn man verliebt ist.
Und diese Phase des Verliebt seins,
die gibt es auch, was den Glauben angeht.
Menschen verlieben sich in einen Glauben.
Das ist schön.
Alles scheint einen Sinn zu haben.
Alles scheint bedeutsam und voller Leben.
Es ist wie die allererste Liebe.

Aber dann – meistens allmählich, manchmal plötzlich – 
stellt sich das Erlebt sein aus,
so wie man ein Radio ausschaltet.
Was bleibt, ist: suchen, fragen, zweifeln.
Und das ist genau der Punkt,
an dem sich die größtmögliche Annäherung an das,
was wahr ist, vollziehen kann.

Wer über diesen Punkt hinaus schreitet, der findet in dem,
was er an Wahrheit erkennen kann,
einen sehr, sehr sicheren Grund.
Er steht fest.
Wer diesen Punkt nicht überwinden kann,
trägt mit sich einen Schmerz wie jemand,
der seine Jugendliebe nicht vergessen kann.

Ich kenne deinen Schmerz.
Es war auch meiner und ich habe ihn in vielen Leben gelebt.
Und ich hoffe, dass wir dir helfen können, Mut zu fassen,
es ein neues Mal zu wagen.

Stell mir deine erste Frage bitte.

M: Ich würde gerne wissen,
woher mein schon so lang anhaltendes spirituelles Tief
– das sich für mich fast wie Resignation anfühlt,
weil sich nichts tut –
woher das kommt?

E: Weil du enttäuscht bist.
Du bist nicht weniger enttäuscht als jemand,
der sehr verliebt war.
Und als der Alltag einkehrte, er feststellen musste,
dass er in eine Fiktion verliebt war.
Dass der Mensch, dem all diese Gefühle galten,
in Wahrheit nicht existiert.

Verliebt sein – ich sagte es schon –
kann man in seinen Glauben.
Aber Verliebt sein hat etwas damit zu tun,
dass der Mensch versucht,
all seine Sehnsüchte in eine andere Person zu projizieren.
Und auf all seine Fragen
scheint er dort die Antwort zu bekommen.

Wenn du an deine erste Zeit denkst,
dann kann man mit Recht sagen: 
Das war wie Verliebt sein.
An das, woran du so sehr glauben wolltest,
das, was du so sehr gesucht hast! 
Mindestens so sehr wie früher einmal den idealen Mann.
Das ist eine Vorstellung
von einer unendlichen Gerechtigkeit!

Es geht in deiner Seele weniger – viel weniger –
darum, dass etwas Liebe ist.
Es geht um Gerechtigkeit!
Und du suchst danach, eine Gerechtigkeit zu finden,
die allen Menschen gilt,
die unantastbar ist
und unwiderlegbar immer ewig gilt.
Das hast du nicht gefunden.

Ganz im Gegenteil: Je genauer du hinschaust,
je intensiver du dich mit dem Leid der Menschen auseinandersetzt,
umso deutlicher wirst du der Tatsache bewusst:
Es gibt hier keine Gerechtigkeit!
Es leiden die Guten wie die Schlechten.
Es werden Menschen krank,
die wichtig sind für Andere.
Es sterben Menschen einfach so
und werden aus der Mitte jener gerissen,
die sie brauchen.
Es sterben Milliarden,
damit einige wenige Millionen ein gutes Leben haben.

Wo ist Gott?

Ist das nicht so?

M: Ja.

E: Dann stell mir deine wahre Frage.

M: Wie kann ich meinen Glauben an Gott gewinnen?
Wie kann ich das Vertrauen wieder herstellen?

E: Ich möchte, so gerne ich dies für gewöhnlich tue,
mich nicht auf die christliche Tradition als Antwort berufen.
Sondern ich möchte dir
die Kernthese des Buddhismus näher bringen,
die nicht im Widerspruch zu anderen Religionen steht.
Aber es würde zu weit führen, dies jetzt aufzudecken.

„Alles Elend der Welt“, so sagte Buddha, „liegt im Begehren“.
Ich begehre Gottes Gerechtigkeit.
Gott hat nur euch.
Sage nicht, dann soll er das ändern.
Würde er das ändern
– würde er die perfekte, gerechte Welt selbst herstellen –
bliebe jede einzelne Seele auf genau dem Stand,
auf dem sie heute ist!
Ja! 
Und weil das einer perfekten Welt völlig entgegengesetzt wäre,
müsste was geschehen?
Hm, was müsste geschehen?

M: Hm.

E: Du wagst es nicht, zu sagen.
Ich sage es:
Dann müssten all die unperfekten Seelen weg.
Das kann nicht der Weg sein! 
Das wäre wirklich destruktiv.

Liebst du dein Hänschen?

M: Ja.

E: Ist er perfekt?

M: Nein.

E: Du lachst.
Liebst du Martin?

M: Ja.

E: Und, perfekt?

M: Nein.

E: Hm, hm.
Sind sie gerecht, immer?

M: Nein.

E: Du?

M: Nein.

E: Hm, alle weg! 
Nein, so geht das nicht und das ist furchtbar.
Das ist furchtbar!

Maria, jeden Tag und jede Stunde
leide ich unter dem Mangel an Liebe.
Ich leide unter der Dummheit.
Ich leide unter der Ungerechtigkeit.
Und mit mir alle Guides.

Wir stehen nicht über diesen Emotionen.
Wir wissen, was es bewirkt.
Wir schauen auf euch und auf die Welt
und hoffen und kämpfen und denken
in Millionen von Zeiten und warten und sehen:
Es ist wenig Licht in eurer Welt.
Aber es ist Licht da! 
Es gibt Wenige, die den Mut finden,
wenigstens ihre eigene Gerechtigkeit zu leben.
Aber es gibt sie.
Es gab sie immer!

Weißt du, was unser Kampf ist?
Die Menschen aus ihrer Angst zu holen.
Denn es ist nichts als Angst,
was zu den Dummheiten und Ungerechtigkeit führt.
Nichts als Angst!

Ich kann dir nicht sagen:
Maria, geh dort hin und dort,
dort findest du deinen Glauben zurück.
Dann hat deine Wut ein Ende
und es geht dir wieder gut.
Und du wirst dich nicht stoßen
an den Ungerechtigkeiten
und Ungereimtheiten,
an den Hochmütigen,
an den Ignoranten,
weil alles einen Sinn hat.

Ich kann dir das nicht bieten,
weil es so nie sein wird! 
Sondern ich muss dir sagen:
Du wirst sie immer finden,
die Ungerechtigkeit in deiner Welt.
Im Kleinen und im Großen:
Du wirst sie immer finden.

Und du wirst noch etwas viel Schlimmeres finden:
Ohnmacht! Nichts tun können.

In solchen Momenten sind wir sehr nahe.
Auch wir kennen das Gefühl der Ohnmacht.
Das Einzige, was uns unterscheidet, ist:
Dass wir wissen, dass Leid aufhört! 
Und dass wir wissen, weil wir es erleben:
Dass hinter dem Allen,
was in der Welt geschieht,
etwas Wunderbares wartet.

Wir kennen das Ziel.
Wir kennen die Seelen in ihrer Vollkommenheit.
Das hilft uns, bei euch zu bleiben, auch dann,
wenn der Schmerz, den wir um euch haben,
tief und mächtig ist.

Es hilft uns, weil wir wissen
– so wie du es weißt –
dass Hans einmal stark sein wird und gut,
auch wenn er gerade Dummheiten macht
und alles andere als Fair ist.
Du weißt, der wird mal gut.
Und du hast Recht.
Wir wissen, ihr werdet mal gut.
Aber das ist ein langer Weg für die Welt.

Maria, ich weiß nicht, ob dir das reicht.
Ich weiß nur Eines:
Da draußen sind Menschen,
die wollen als Seelen irgendwann mal gut sein.
Die wollen aufhören, sich zu fürchten.
Sie wollen aufhören,
sich zu fürchten, zu lieben oder Liebe zuzulassen.
Die wollen aufhören,
sich vor Ohnmacht zu fürchten oder auch vor ihrer Macht.
Die wollen aufhören, Angst zu haben.

Aber dazu brauchen sie Hilfe.
Diese Hilfe kann nicht Einer allein geben.
Und auch wir können nicht jede Hilfe geben.
Es ist ein großes Zusammenspiel
vieler Helfer um jeden Einzelnen.

Vielleicht möchtest du ganz bewusst dazugehören.
Vielleicht liebst du die Menschen so sehr,
dass du deinen ganzen Zorn nimmst
und mit seiner Macht versuchst,
ihnen Wege aus ihren Ängsten zu zeigen.
Vielleicht.
Aber ich kann dir nicht versprechen,
dass dein Zorn über eine Welt,
in der nichts gerecht ist,
je aufhören wird.