Körperlichkeit

Elia – über Krankheit: Es gibt sehr Unweise, denen macht die Ohnmacht eines solchen Menschen Angst.

Es gibt sehr Unweise,
denen macht die Ohnmacht eines solchen Menschen,
der krank ist,
Angst.

Und sie finden viele Gründe,
sehr schnell sich seiner Gegenwart zu entziehen.
Und was für die Ärzte gilt,
das gilt auch für Verwandte,
Freunde,
Kollegen,
Nachbarn.

Ich habe jetzt nur von Kranken gesprochen!
Aber ich hätte auch von hoffnungslos Armen sprechen können.

Elia

Zu Gast ist Maria.

Elia: Deine nächste Frage, bitte.

M: Mir wurde häufiger gesagt:
Dass ich in der Lage bin,
mich mit der Seele meines Gegenübers zu unterhalten,
wenn es ihm nicht gut geht.

E: Ja.

M: Ich habe diese Eigenschaft verloren eine Zeit lang,
ich habe das Gefühl, es kommt jetzt langsam wieder.

Wenn jemand zu mir kommt, der in Not ist:
Wie bekomme ich es hin,
dass ich mich mit ihm
und seiner Seele so verbinden kann,
dass ich die wahre Not erkenne,
um ihm helfen zu können,
an den Kern zu kommen?

E: Darauf kann ich dir keine pauschale Antwort geben!
Denn auch du musst wie auch alle anderen Heiler
die Fälle annehmen lernen,
die sich einer Beeinflussung verweigern.


Die Frage, liebe Maria, setzt etwas voraus:
Wie selbstverständlich gehst du davon aus,
dass ein Erfolg stattfinden muss?
Erfolg in Form von was, Maria?

M: Trost und Heilung und Hilfe.

E: Änderung dessen, was von Übel ist, ja?

M: Hm, hm.

E: Ist das die Realität der Welt?

M: Nein!
Ich hoffe nur,
dass ich meinen Beitrag geben könnte.

E: Das kannst du zweifellos.
Nur eben nicht immer
und nicht bei Jedem.

Maria, ich möchte dir jetzt doch
eine kleine christliche Geschichte erzählen.

Ich liebe die Bibel so sehr,
weil die Geschichten,
die dort erzählt werden, so elementar menschlich sind.

Jesus hängt am Kreuz
und rechts und links von ihm hängen zwei Verbrecher.
Und der Eine von ihnen sagt:
„Wenn du Gottes Sohn bist,
dann sag deinem Vater bitte mal, dass er uns hier runterholt!“

Und Jesus macht nichts!

Wie findest du das, Maria?
Er hätte es gekonnt.
Er war in der Lage, Materie zu beeinflussen.
Wie findest du das?

M: Schwer verständlich.

E: Wie fühlt sich das an?
Was löst das für ein Gefühl in dir aus?

M: Ohnmacht wieder…

E: … und Wut.

M: Ja.

E: Ja.
Manchmal dürfen Heiler nicht mehr tun,
als dabei sein!

Manchmal, Maria, ist die Hilfe, die du geben kannst,
nichts anderes, als dabei zu sein.
Indem du präsent bleibst und es aushältst,
dass jemand leidet ohne Hoffnung auf Besserung.


Das ist sehr schwer, aber auch sehr gut!
Was wird mit Menschen gemacht
– die im hoffnungslosen Leid sind –
in der Regel?

Die Ärzte versuchen,
solange es ihre Möglichkeiten zulassen,
sie in irgendeine Form von Genesung zu bringen.


Die Psychologen und Psychiater tun das Gleiche.

Aber wenn der Moment kommt,
an dem die ärztliche und die psychologische Methodik versagt:
Was dann?

M: Dann geben sie auf.

E: Dann gibt es einige sehr Weise unter ihnen,
die sind trotzdem präsent,
wenn sie Kontakt mit einem solchen Kranken haben.


Die geben offen zu:
„Ich weiß auch nichts mehr“.

Und dann hören sie zu,
wenn die Zeit es ihnen erlaubt.


Und es gibt sehr Unweise,
denen macht die Ohnmacht
eines solchen Menschen Angst!
Und sie finden viele Gründe,
sehr schnell sich seiner Gegenwart zu entziehen.


Und was für die Ärzte gilt,
das gilt auch für Verwandte,
Freunde,
Kollegen,
Nachbarn!


Ich habe jetzt nur von Kranken gesprochen,
aber ich hätte auch von hoffnungslos Armen sprechen können.


Ich hätte auch von Menschen sprechen können,
die entsetzliche Schicksalsschläge hinter sich haben
und diese nicht überwinden können.


Ich hätte auch von Menschen sprechen können,
die furchtbaren Naturkatastrophen zwar entkommen sind.
Aber sie wissen,
dass es für sie nie wieder eine gute Zukunft geben wird.


Menschen in tiefster Ohnmacht!

Und der Helfer, der Heiler ist auch ohnmächtig!

Die übliche Reaktion ist:
solchen Menschen zu fliehen!


Aber eine Reaktion der Liebe ist,
mit ihm durch sein Leid zu gehen.
Das ist nicht wenig!

Erinnerst du dich an die schwere Geburt, die du hattest?

M: Hm, hm.

E: Alle waren beschäftigt.
Beschäftigung hilft, Ohnmacht zu überdecken.
Es hilft, Angst zu vermeiden.


Aber schön ist,
wenn in so einem Augenblick einfach einer da ist
und mit Ohnmacht empfindet und mit Angst hat.
Dann entsteht eine so tiefe Zweisamkeit,
eine so scheinbar völlig widersprüchliche Form von Geborgenheit,
die ein solcher Mensch in seinem ganzen Leben nie wieder vergisst.

Gott soll es richten?
Gott ist im Leidenden und
Gott wirkt Trost durch den,
der bereit ist, dieses Leid auszuhalten beim Anderen!


Vielleicht nur eine Therapeuten-Stunde lang,
vielleicht aber auch viele Tage.
Es ist nicht die Summe der Zeit.
Es ist die Intensität des Mitgehens.

Eben nicht des Mitleids,
sondern des Mitgehens.


„Ich leide nicht wie du.
Das ist schon klar.
Und ich kann nicht genau das Gleiche empfinden wie du jetzt,
lieber Patient, das ist schon klar.

Aber ich bin da!
Ich halte das aus!
Ich lass dich hier nicht allein.
Und wenn du mir nichts zu sagen hast,
dann ist das auch gut.
Du musst mir nicht den Erfolg der Heilung bringen,
das brauchst du nicht.


Du brauchst dafür,
dass ich das jetzt hier mit dir aushalte,
nicht mit Heilung bezahlen!“

Weißt du, Maria,
dass viele verzweifelte Menschen
von ihren Helfern aufgefordert werden,
gefälligst für deren Mühe mit Heilung zu bezahlen?

„Lieber Patient, ich streng mich jetzt hier so an,
ich ziehe alle Register. 
Jetzt bessere gefälligst deinen Zustand!“

„Lieber Heiler, ich würde mich vielleicht anstrengen,
wenn ich könnte.
Ich kann gar nicht.
Bitte verwirf mich nicht.
Hänge bitte an meiner Seite am Kreuz!“

Ein solcher Heiler, der das versteht,
ist ein Geschenk Gottes.
Der hat aufgehört,
seine Patienten zwingen zu wollen, heilen zu müssen.
Der ist bereit, sein Wirken als ein Experiment zu sehen!

Und der ist auch bereit,
ein „Nein“ auf sein Angebot zu akzeptieren! 
Ja?

M: Hm, hm.

E: Es ist eine Kunst!
Nichts zu erwarten!
Es ist eine große Kunst! 
Und es ist sehr schwierig,
sich in dieser Übung zu halten.

Es ist nämlich eine Bewusstseins-Übung!
Und ich möchte dir empfehlen, jeden Tag
– zumindest in den ersten Monaten –
jeden Tag die Frage zu stellen:

„Was erwarte ich von dem Heute?
Was erwarte ich von mir,
von meinen Mitmenschen,
vom Wetter,
vom Heizungsinstallateur?
Was erwarte ich?“