Verstorbene – Unauffällig sein ist ein ganz zweischneidiges Schwert.

Ein Brief von Hans
an seinen Bruder Manfred:
Du BIST nicht unauffällig!
Oder anders gesagt:
Du bist so auffällig unauffällig,
dass jeder merkt:
Du bist anders.
Anders ist völlig neutral,
anders ist jeder!
Zweiter Verstorbenenkontakt

Ich bitte meinen Guide Elia,
mich mit Manfred zu verbinden,
sein Bruder Hans hat ihm einen Brief geschrieben.

Manfred kommt heute ohne irgendeine Verkleidung,
er trägt eine Jeans und einen Pullover,
der irgendwie zu weit ist und die Ärmel zu lang.
Die Hände hält er in den Taschen und lächelt.

U: Grüßt dich, Manfred, wie geht’s?

M. Ja, super!
Hast gehört, Hans?
Super geht’s!
Na ja, aber jetzt bin ich nicht so interessant, oder?

Hans (er grinst, als würde er den Hans foppen wollen),
glaubst du, jetzt hast du keinen großen Bruder mehr?
Ja, das denkst duuuu!

Weißt noch?
Ich höre Kinderstimmen rufen und dann lachen:
„Blödmann!“
„Selber Blödmann!“
(Er lacht.)

Na komm schon, ich mach nur Spaß…
Du? Ich war manchmal ein bissel na, na ja – dooooch – grob zu dir.
Das tut mir leid.
Heut weiß ich:
Das ist so bei Brüdern.
Aber Eins musst du mir jetzt einfach einmal glauben:
Lieb hab ich dich immer gehabt!
Nur genervt hast du mich manchmal.
Das ist doch in Ordnung:
Kleine Brüder nerven Große, ein Naturgesetz sozusagen.

Hm, ich glaub, man MUSS versuchen,
der bessere Sohn zu sein!
Das ist auch ein Naturgesetz.
Aber so von hier aus, da wird das alles ganz klein.

Groß wird nur, was gut war.
Weißt noch?
Wenn sie sich gestritten haben?
Da sind wir zusammengerückt und es war schön,
dein Großer zu sein, das war wichtig für mich!

Zeigt mir eine Szene, da sitzt ihr Beide noch recht klein 
gemeinsam unter einer Decke oder einem Deckbett.

Du hättest mich schon länger gebraucht!
Es tut mir leid, ich hab das nicht geschafft.
Aber nicht, weil ich dich nicht lieb gehabt hab!

So, jetzt aber der Brief.
Er war immer etwas umständlicher als ich,
ich wusste schon, der braucht seine Zeit.

Jetzt mag er aber nicht mehr warten.

U: Okay, dann geht’s los.
Hat es einen Grund,
warum du heute nicht im hellen Gewand kommst?

M. Dem Hans will ich lieber vertraut sein,
ich war sowieso schon immer der Große.
Jetzt nicht jetzt so!

H. Hallo Manni!

M. Hallo, Brüderchen! Da bist du ja!

H. Ich hoffe, es geht dir gut.
Ich habe etwas länger gebraucht,
um dir diesen Brief zu schreiben,
weil ich auf den richtigen Moment gewartet habe.

M. Das wusste ich eh!
Du, mach dein Ding!
Das würd ich dir heut sagen, wenn ich noch leben würd.

Deine Zeit, deine Kraft, deine Ideen:
Das ist gut, Hans, so muss es sein.

H. Und jetzt war dieser Moment hier.
Jedoch fällt es mir sehr schwer.

M. Weiß ich, Hans, du darfst jederzeit denken:
Ist eh nur Spinnerei!
Manchmal braucht man diese Zweifel,
weil es sonst nicht auszuhalten wäre…

H. Ich vermisse dich und würde dich gerne wieder sehen.

M. Du wirst mich wieder sehen,
aber vorher musst du deine Arbeit in der Welt tun!
Ich habs viel leichter als du.
He, doch, das ist wirklich wahr!
Ich habs von Anfang an leichter gehabt.
Deshalb will ich auch nichts davon hören,
dass ich der Bessere bin oder so!
Das ist alles Schmarrn.

Wenn du heimkommst,
wirst du mir so viel zu erzählen haben.

Was kann ich erzählen?
Ich war ein Engel auf Urlaub, ja, Servus!

Das Ernste, das Schwere:
Das hast du auf dich genommen.
Ich bin stolz auf dich!
Ein guter Mensch bist du geworden, ein echter!
Es ist schön, dein Bruder zu sein.

H. Ich frage mich öfters, wie wir uns verstehen würden,
wenn du noch hier wärst.

M. lacht: Na, wie schon?
Wir würden uns nerven
und wir würden zusammen halten wie vorher auch.

H. Und was du arbeiten würdest, ob du eine Familie hättest.

M. Ich wär wahrscheinlich zur Feuerwehr gegangen
oder in den Rettungsdienst.
Bin ich jetzt auch, nur eben hier.

Ich glaub nicht, dass ich eine Familie gehabt hätt,
wahrscheinlich hätt ich mich zu oft verliebt…

Strohfeuer, verstehst du?
Und du, du wärst der Vernünftige gewesen.
Wir passen schon zusammen, du und ich,
wie Yin und Yang…

H. Ich weiß, man sollte eigentlich nicht zu viel
über das „was wäre wenn“ denken.
Aber ich mache es trotzdem viel zu oft.
Ich weine sehr,
während ich diesen Brief schreibe.
Ich vermisse dich wahrscheinlich mehr,
als ich es selber glaube oder spüre.

M. Ja, weißt, warum?
Weil ich der „Leichte“ war
und du der „Schwere“.
Bruder Sonne und
Bruder Mond.
Was macht der Mond,
wenn die Sonne geht?
Dann muss er so viel Wärme in sich machen,
dass er selbst eine Sonne ist.
Und genau da sitzt der Schmerz:
Du glaubst nicht, dass es geht!
Aber es geht!

Vielleicht scheinst du nicht so hell,
aber du kannst wärmen, Hans!
Das kannst du gut,
du hast schon mich gewärmt.

H. Aber eigentlich schreibe ich diesen Brief an dich,
um dir einige Fragen über mein Leben zu stellen.
Über meine derzeitige Situation
und über gewisse Dinge,
bei denen ich selber nicht weiterkomme.
Ich möchte mehr über mich erfahren
und möchte besser verstehen.


M. Hm, hm, eigentlich sind Verwandte
dafür nicht so zuständig…
Aber ich darf dir antworten,
dein Betreuer (er meint den Schutzengel von Hans)
freut sich über die Idee.

Denk also nicht,
dass ich so viel höher stehe als du.
Du denkst das!
Gib´s zu!
Aber das denkst du nur,
weil ich als großer Bruder aus deinem Leben gegangen bin,
der immer alles schon konnte,
ehe du es konntest! 
Sogar rasieren (grinst)!

H. Zu Allererst möchte ich fragen,
warum ich ständig auf Ablehnung stoße?

M. Hans, weil du so viel Angst hast:
Angst davor, nichts falsch zu machen,
nichts Falsches zu sagen.

Weil du meinst, Groß sein zu müssen!
Das sitzt so in dir,
daran kannst du aber arbeiten.

Dieses Bemühen, das spüren die Anderen
und dann, na ja:
Entweder sind sie Menschen,
die nicht besonders weit sind. 
Die missbrauchen dann deine Unsicherheit,
um sich besonders Groß zu fühlen.
Oder du begegnest solchen,
denen könnte auch ich nie was Recht machen!
Da gibt’s gar keinen, der was Recht machen könnte.

Pass auf:
Du spinnst nicht!
Wenn du glaubst, dass mir das nicht passiert wäre: 
Wäre mir auch passiert!
Weißt du, warum?
Ich hätte mir um die Meinung der Anderen
einfach nicht so viele Gedanken gemacht.
Wer wäre mir da begegnet?
Kann ich dir sagen:
Menschen, die ziemlich gedankenlos wären.
Und Menschen,
die es sich einfach mit mir gut gehen lassen würden.
He, das ist ein Gesetz, Hans!
Gleiches zieht Gleiches an.

Schau mal, wenn du im Park bist,
wie die Hundebesitzer ihren Hunden ähneln.
Mach mal!
Du würdest staunen!

So, also, was heißt das für dich?
Du kannst aufhören, dich anzustrengen,
alles Anderen richtig zu machen.
Wenn du das alles ändern willst
– also WIRKLICH willst –
dann solltest du anfangen,
anders über dich zu denken!
Ist aber nicht so leicht, es könnte sein,
dass du dabei Hilfe brauchst.

Man kann sich nämlich nicht selbst belügen!
Also positiv Denken funktioniert kein bisschen, ne.
Etwas mehr muss man sich da schon anstrengen.

Das Ganze hat was mit deinem Blick auf dich zu tun.
Du guckst deine Fehler an!
Du guckst dauernd da hin, was du NICHT kannst.

Ergebnis: Da schneien nur Leute in dein Leben,
die darauf gucken, was fehlt!
Die ewig Unzufriedenen,
denen nie was genug oder recht ist! 
Das passt dann.

Hans, pass auf.
Lerne, auf das zu sehen,
WAS du kannst und dich daran zu freuen!
Du bist nicht der letzte Depp, so ein Quatsch!
Hey, du bist MEIN Bruder! (Lacht.)

H. Wieso lehnen mich andere Menschen so oft ab.
Mir kommt es immer so vor,
als halten mich sehr viele Menschen,
die ich kenne, für entbehrlich.

M. Na komm, ganz unter uns:
Findest du die nicht auch ziemlich entbehrlich?
Hm?

Du, das im Schatten stehen,
das hast du von Kleinkind an gelernt.
Aber glaub mir, ich wollte das nie,
ich hab´s auch nie so empfunden.

Ich glaub: Wenn ich dich nicht gehabt hätte,
ich hätte nie kapiert, was in mir steckt.

Hans, den Blickwinkel ändern:
Das ist jetzt echt langsam mal angesagt!
Aber ich weiß:
Du hättest davor dann auch Angst,
weil du gar nicht sicher wärst,
wie du mit der Situation umgehen würdest,
wenn du plötzlich unentbehrlich wärst
oder beliebt wie sonst was!
Hm?
Doch, das ist wahr!
Und wie wahr das ist!

Du möchtest da raus?
Okay, dann musst du lernen!
Wenn Einer lernen kann, dann du!

H. Ich habe es auch noch immer nicht geschafft,
eine Lebenspartnerin zu finden.
Woran liegt das?
Liegt es daran,
dass ich Niemanden in mein Leben lassen möchte?
Dass ich Niemanden nah genug an mich ran lassen möchte?

M. Na, das liegt daran,
dass du der dann wichtig wärst
und dass sie dir dann wichtig wär.
Ein bissel zu ernst!
Schau die kleinen Buben an:
Die SPIELEN erst mal Fußball,
die haben gar nichts anderes im Sinn, als Spaß haben.

Wenn du eine liebe Frau triffst,
dann rattert es gleich in deinem Kopf.
Wenn es ginge,
würdest du gleich den Ehevertrag besprechen!

Na, das war jetzt nur so ein Spaß, ja?
Aber du weißt, was ich mein:
Die Frauen, die spüren den Ernst,
die spüren die Wichtigkeit!
Und schon bekommen DIE Angst,
fühlen sich überfordert
und ziehen sich schneller zurück,
als du Servus sagen kannst.

Also Spaß haben ist erlaubt,
das ist nicht gleich Ausnutzen!

Spielen ist erlaubt,
verstehst du?
Ernst wird’s erst, wenn beide wollen,
dass es Ernst ist!

H. Habe ich Angst,
dass ich zu minderwertig bin?
Und, dass ich einfach nicht ausreiche?

M. Mei, mei, ja…
Du, die Angst hast halt immer,
das ist ja, was ich sag. 
Das kommt vom Blickwinkel.

Stell dir vor, du wärest am Flughafen ein Inspekteur
und du hättest einen Kameraden.
Ihr beide hättet die Aufgabe bekommen:
Schaut euch den Inhalt der Koffer an.
Dein Kamerad würd schreiben:
schöne Kleider, schicke Schuhe,
guter Fotoapparat usw.
Und was würdest du schreiben?
Keine zusammengelegten Socken,
keine neue Zahnbürste,
keine Rasiercreme…

Ja, so wär’s.
Jetzt bist deswegen aber nicht Falsch.
Ich hätt dich mit deinem Blick auf die Dinge,
die fehlen, sehr gebraucht, weil du mir geholfen hättest,
nicht von einem Strohfeuer für irgend wen
und irgend was zu verfallen.

Die Welt braucht Menschen wie dich,
die die Gabe haben,
ehrliche INVENTURLISTEN zu machen!

Nur weißt du was?
Zum Ehrlich sein gehört eben auch,
zu schreiben, was gut ist und vorhanden!
Und nicht nur, was fehlt!

Die Mutter bemüht sich, dir da zu helfen.
Aber da bist du halt so, dass du dir sagst:
Ja, die ist eben die Mutter,
die ist voreingenommen!

Ja, voreingenommen bist du auch!
Und du könntest lernen, das zu ändern!
Du könntest lernen, ein echter Realist zu werden.

Realisten sehen, was gut ist und was schlecht ist!
Beides…

H: Oder habe ich Angst,
mich einem anderen Menschen zu öffnen,
weil ich glaube, verletzt zu werden?
Habe ich Angst, nicht verstanden zu werden?

M. Hans?
Ja, hast du, hast du aber auch mit gutem Grund.
Deine Erfahrungen sind genauso gewesen
wie deine Befürchtungen!
Du brauchst Mut, um neue Blickwinkel einzunehmen!
Mut und Ausdauer.

Hast du Beides, hast du sogar mehr als ich.
Ist dir das eigentlich klar?
Ist dir klar, dass Andere in deiner Stelle
mit Niemandem mehr reden würden?
Dass sie sich in Traumwelten flüchten würden,
in eine ewige „Null Bock“ Einstellung.

Machst du nicht!
Du hast so viel Mut, dass du fair sein willst, wenigstens das!

H. Ich denke darüber sehr viel nach.
Woran liegt es,
dass Andere mich abblocken?
Oder bin ich es selber,
der sich im Weg steht?

M. Na ja, bist schon zuerst du.
Das hat sein Gutes.
Wenn’s die Anderen wären,
könntest du nichts ändern.
Das hat seine Last!
Da es nicht die Anderen sind,
musst du bei dir anfangen!
Verstehst, was ich mein?

H. Oder was mache ich falsch?
Woher kommt es,
dass ich eine liebenswerte Partnerin suche,
mit der ich auf selber Wellenlänge liege,
aber es so schwer ist,
so Jemanden zu finden?

M. Na, Okay, noch mal:
Mit der Einstellung, die du jetzt hast,
würdest du Partnerinnen anziehen:
Die entweder selbst davon überzeugt sind,
eine einzige Mängelliste zu sein
(die würden dir gegenüber aber nie den Mund aufkriegen)!
Oder solche, die Einen suchen,
dessen Selbstwert so niedrig ist,
dass er unter jeden Teppich rutscht!
(Die willst du aber nicht sehen.)

Wenn du von gleicher Wellenlänge sprichst,
dann meinst du Jemanden,
der verantwortungsbewusst ist und ehrlich und lieb.

Okay, das ist, was dir klar ist!
Was dir unbewusst ist, ist:
dass du automatisch dann aber auch Eine suchst,
die sich immer abgelehnt fühlt,
die meint, nie gut genug zu sein
und die sich für völlig uninteressant
und unattraktiv hält…

Ich sag dir was:
Die ziehst du durchaus an,
aber nie im Leben würdet ihr einander auffallen!

Denn eure gleiche Wellenlänge legt sich ja
wie eine ewige Tarnkappe über euch!

Unauffällig sein ist ein ganz zweischneidiges Schwert, Hans.
Du BIST nicht unauffällig!
Oder anders gesagt:
Du bist so auffällig unauffällig, dass jeder merkt: Du bist Anders!

Anders ist völlig neutral,
Anders ist jeder!

Nur du glaubst, das tarnen zu müssen
(und die Frau, die dich lieben kann, auch).
So geht’s einfach nicht,
muss es doch auch nicht!

Hans, jetzt im Ernst:
Lerne endlich,
dich realistisch einzuschätzen!
Hab keine Angst davor!
Unterm Strich kommt da kein Mangelhaft raus,
im Gegenteil!

H. Warum werde ich eifersüchtig auf Andere,
obwohl eigentlich kein Grund besteht?
Ich kaufe mir etwas!
Und jemand Anderer kauft sich vielleicht nur
etwas Gleichwertiges oder Besseres.
Und ich werde eifersüchtig darauf!
Ich glaube, es liegt aber nicht an dem materiellen Gegenstand.
Sondern daran, dass ich immer der Beste sein muss!

M. Weißt du, dass du nie richtig gezeigt hast,
wie eifersüchtig du auf mich warst?
Irgend wann kommt das aus der Seele raus.
Und du hattest doch Recht:
Ich die Sonne!
Du der Mond!
Mensch, das war nicht fair
und das war auch nicht berechtigt!

Du, wer fähig ist, eifersüchtig oder neidisch zu sein:
Weißt du, was der in sich hat?
Die Fähigkeit, zwischen Gerecht und
Ungerecht zu unterscheiden!

DAS ist DEINS, Hans!
Das ist eine so gute Fähigkeit!
So selten in deiner Zeit!

Also, wenn du das nächste Mal eifersüchtig bist,
dann schäm dich nicht über dich!
Sondern sieh das mal als Hinweis,
dass du in deinem Leben
viel Ungerechtigkeit ertragen hast
und nichts machen konntest.

Aber jetzt bist du erwachsen
und es wird Zeit, dass du dich nicht mehr duckst,
wenn Andere dich ungerecht behandeln!
Aber dafür brauchst du eben auch Selbstbewusstsein!
Also den realistischen Blick auf das, was du bist und dich ausmacht.
Lass dir helfen dabei!
Das ist zu schwer, allein zu schaffen.
Du würdest dir eh nichts glauben.

H. Dieser Leistungsgedanke ist es, glaube ich.
Ich muss ständig besser sein als die Anderen.
Allerdings mag ich es, auf sportlicher Ebene mich voranzutreiben.
Und besser zu werden.
Wenn ich das nicht tue, würde ich stehen bleiben und stagnieren.
Ich möchte besser sein.
Aber was muss ich damit beweisen?
Woher kommt dieser Drang?
Und kommt meine Eifersucht wirklich daher?

M. Du, was spricht gegen Ehrgeiz?
Ehrgeiz ist super, ohne Ehrgeiz keinen Einstein,
keinen Mahatma Gandhi,
keinen Reinhold Messner.
Warum soll das ein Defizit sein?

H. Ich habe auch öfters das Gefühl,
vom Leben benachteiligt zu werden!
Ich hatte dieses Gefühl schon als Kind.
Dieses ständige Gefühl, irgendwo benachteiligt zu werden!

M. Hans, du WARST benachteiligt!
Niemand wollte das: Ich nicht, du nicht, die Eltern nicht.
Aber du warst das wirklich!
Der Mond ist der Mond,
nicht die Sonne.

Was du aber völlig verloren hast, ist:
Dass du dich als Mond wertschätzt!
Verstehst du?

Ich sagte, du hast eine große Fähigkeit,
Ungerechtigkeit zu erkennen, das ist gut.
Die ganze Welt ist voll davon, NICHTS ist gerecht bei euch!
Und es wird immer schlimmer!
Und weißt du, warum?
Weil die,
die einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn haben,
nur auf sich sehen.

So lernt man das heute in der Welt!
Das ist der große UN-Zeit-Geist,
die ganz große Versuchung.

Du kannst den Neid nicht wegmachen in dir, Hans!
Du kannst ihn aber wandeln,
veredeln in Gerechtigkeitssinn.

Aber nur,
wenn du diesem blöden Zeitgeist der Gier
nicht mehr auf den Leim gehst.
Du bist benachteiligt (stimmt in einigen Bereichen),
aber ganz ehrlich?
Allein die Tatsache, dass du in Wien
und nicht in Bombay unter einer Brücke
geboren wurdest, spricht dafür.
(Rechne dir bitte mal die Wahrscheinlichkeit aus,
du wirst feststellen, dass Milliarden im Vergleich zu dir
total benachteiligt sind).
Aber soweit brauchst du nicht gehen.

Sieh dich um, Hans, guck genau hin:
Welche Chancen hast du,
welche Chancen haben die meisten anderen Menschen?
Hm, hm…

Es geht echt ungerecht zu
in Wien
oder Rom
oder Berlin…

So ist die Welt,
so ist sie… AUCH!
Und die ist so, weil keiner sieht,
dass die Ungerechtigkeit, die den Anderen trifft,
irgend wann auch bei ihm Folgen hat.

Wie willst du dich für einen guten Menschen halten?
Ich kann das, ich weiß, was in dir steckt.
Aber wie willst du es tun, wenn du nichts Gutes TUST?
He, ich spreche nicht von der Feuerwehr,
ich spreche von so ganz kleinen Sachen!

Warum nicht einer behinderten Frau,
die ungerechterweise weniger stark und gesund ist als du,
die Tasche in den dritten Stock tragen?
Warum nicht dem Bettler,
der ungerechterweise dümmer,
ärmer und labiler ist als du,
einen Euro geben?
Hm?

Wie willst du an Gerechtigkeit glauben,
wenn du nichts für sie tust?

Deshalb sag ich:
Hey, Bruder Mond,
Schluss mit Jammern, tu was!

Ich weiß auch,
dass du gehemmt bist.
Na und?
Dann tust du eben in deiner gehemmten Art was Gutes,
wen schert es?

H. Öfters habe ich auch eine Wut auf das Leben.
Wenn etwas nicht so funktioniert,
wie ich es mir vorgestellt habe
und wenn ich das Gefühl habe, dass mir etwas verweigert wird,
was ich sehr begehre.
Aber auch wenn ich das Gefühl habe: 
Das Leben legt mir Steine in den Weg.
Dann glaube ich, es ist eine höhere Macht,
die sich daraus einen Spaß macht
und sich darüber belustigt.

M. Du, das ist dein absolut realistischer Blick!
Leben ist GENAU so!
Was du nicht siehst:
für Andere auch!
Und das ist UNFAIR.

Die Welt kannst du nicht ändern, klar:
Du machst aus dem Eispalast Erde
kein Paradies der Gerechtigkeit.
Aber da, wo dir Ungerechtes begegnet
und du was tun kannst
– und wenn’s auch nur dein Lächeln ist,
das du einem Fremden schenkst,
der traurig ausschaut –
veränderst du was1

Zuerst in dir!
Ja, ganz egoistisch, warum nicht egoistisch sein?
Ich war auch so egoistisch, zu genießen,
wenn ich dir helfen konnte,
weil du noch zu klein warst!

Na, komm, lass den Ball rollen,
immer gegen die Wand werfen ist doch Doof.

Es tut gut, aufzuhören,
wie ein Kind zu maulen,
weil Papa Gott einem nicht gibt, was man will.

Das merkst du doch selbst, das ist doch was für Babys (grinst)…
Ergänz mal realistisch deine Mängel-Liste, Hans.
Weißt du, was du alles hast,
ohne dass verdient zu haben?
Kommt natürlich drauf an,
mit wem man sich vergleicht:
Mit denen, die es noch besser haben
oder mit einem total durchschnittlichen Menschen.

Wenn du schon Mängel-Listen schreibst,
dann diese hier:
Du bist nicht so arm, dass du frierst,
weil das Heizöl zu teuer ist!
Du bist nicht Analphabet!
Du bist nicht so krank,
dass du irgendwo verrecken musst,
weil keiner mehr die Kosten für eine Therapie trägt!

Du bist nicht so einsam,
dass du wochenlang keinen Menschen zum Reden hast.
Du bist nicht so dumm,
dass Andere dich stets nur ausbeuten.
Du bist nicht so rechtlos,
dass jeder dich quälen darf!

Soll ich weitermachen?
Nein, ich spreche nicht von den armen Kindern in Uganda!
Ich spreche von Menschen,
die jeden Tag um dich herum genau so zu leben haben.

Hans, es wird Zeit!
Zeit, der Wahrheit ins Auge zu sehen!
Zeit, zum Realisten zu wachsen.

Wenn du das schaffst, schaffst du mehr,
als ich zu bewältigen hatte.

Ich bin gegangen, als es ernst wurde!
Du bist geblieben!
Du hast mehr Mut!
Hab ich dir ja gesagt.

H. Letztendlich möchte ich dich noch fragen,
warum ich mich mit meinem Vater so schwer tue.
Ich finde keinen Zugang zu ihm.
Er tut sich – glaube ich – ebenfalls sehr schwer.
Er möchte Zeit mit mir verbringen,
kann aber nichts mit mir anfangen.
Ich habe eher das Problem, ich kann mit ihm nichts anfangen
und möchte deswegen keine Zeit mit ihm verbringen.
Was mir doch – glaube ich – größeren Schmerz zufügt,
als ich mir eingestehen will.
Er tut mir auch oft sehr leid, ich empfinde Mitleid,
aber ich möchte nicht mein Leben nach Leuten richten,
mit denen ich Mitleid habe.
Auch wenn er mir noch so Leid tut.

M. Hans, ich kann das zwischen euch nicht heilen.
Ich glaub nicht, dass es am Anders sein liegt, Hans!
Es liegt am Gleich sein!

Aber lass dir Zeit,
du musst nicht unwahr werden,
da hast du schon Recht!
Bleib einfach offen dafür, dass sich das,
was dir heute wahr ist,
morgen anders sein kann, das reicht!
Und ich denke, damit kommst du klar
und er auch.

H. Ich möchte auch gerne wissen,
was seine Aufgabe in diesem Leben ist.
Was er mich lehren soll.

M. Ich hab lang überlegt, ob ich dir antworte…
Hans, ich bin zu dem Ergebnis gekommen,
dass du IHN fragen solltest:
Frag ihn,
was er dir am Liebsten beibringen würde…
im Leben.
Es ist gut, wichtige Fragen zu stellen,
solange man gemeinsam auf dieser Erde ist!

H. Zwei Fragen habe ich noch.
Ich sehe oft Dinge beim Einschlafen.
Ich weiß nicht,
ob ich darauf eine Antwort bekomme.
Aber es sind in schneller Reihenfolge viele Sachen,
ich weiß nicht, woher sie kommen.
Einmal habe ich auch Musik gehört,
Musik, die noch nie zuvor gehört habe?
Ich sehe in schneller Reihenfolge manchmal Menschen,
manchmal im Krieg.
Manchmal ist es farbig, manchmal sehr verschwommen,
manchmal nur grau.
Es sind manchmal Drachen,
die auf so chinesischen Festen verwendet werden.
Auch mal eine Ballett-Tänzerin.
Aber ich weiß nicht, woher das kommt
und ich kann mich immer sehr schwer daran erinnern.

M. Deine Seele reist dann um die Welt!
Alles, was du siehst, geschieht dann real irgendwo in der Welt. 
Du kannst das nicht abstellen, Hans,
das gehört zu dir!

H. Und die zweite Frage ist:
Ob du nun mein Schutzengel bist?

M. Sagen wir Co-Schutzengel…
Ich bin der, der sich hinstellt und sagt:
Hey, verlangt nicht zu viel von ihm,
in meiner Sippe ist es so und so…
Ich sorge für Verständnis,
so gesehen bin ich dein Schutzengel.

H. Ich freue mich auf den Tag,
an dem wir uns wiedersehen.
Und es tut mir sehr leid,
wenn ich dich in deinem Leben oft genervt habe.

M. Hans?
DU MUSSTEST!
Du hättest sonst einen schlechten Job gemacht.
(Lächelt.)

H. Ich weiß, dass dir das in deinem jetzigen Zustand
wahrscheinlich nichts bedeutet.
Aber ich bitte dich trotzdem um Vergebung.
Es tut mir sehr leid.

Ich hab dich sehr lieb und
ich vermisse dich so sehr.

Dein Bruder Hans

M. Ich liebe dich, Bruder!
Ich wünsche mir:
Dass du auch anfängst, dich zu lieben.
Ja, oh man, das wünsch ich mir so sehr!
Ich wünsch mir,
dass aus der Mängel-Liste
eine Dankes-Liste wird!
Ich wünsch mir,
dass du in deine Kräfte findest!
Dass du siehst,
dass Jeder an irgendeiner Stelle falsch ist
und dass genau darin die Möglichkeit liegt,
Edleres daraus zu machen.

Ich wünsch mir,
dass ich dich noch sehr lange begleiten darf,
bis du ein weiser,
alter Mann geworden bist.
Und dass wir,
wenn du deine Arbeit auf Erden getan hast,
mir dann viel, viel erklärst…

Die Welt wird sich wandeln
und du wirst Zeuge davon sein!
Wie viel ich von dir zu lernen haben werde!

Hans, ich danke dir für dein Vertrauen! 
Du hast aus mir einen großen Bruder gemacht!
Weißt du?
Ohne dass du bereit gewesen wärst,
mir den Vortritt zu lassen,
hätte ich mich völlig anders wahr genommen…

Verstehst du, WIE dankbar ich dir bin?
Nun geh in DEIN Leben, Hans,
lerne den realistischen Blick.
Lerne, dir deines Selbstes wirklich bewusst zu sein.

Lerne, dass Schatten und Licht zusammengehören
und dass etwas am Himmel fehlt,
wenn der Mond nicht da ist.

Ich umarme dich, lieber Hans,
ich trage dich in meiner Seele wie einen kostbaren Schatz.

Bis dann, Servus und Adieu,
dein Manni!