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Uta – Zum Totensonntag: Wer Verlust erfahren muss, der leidet.

Meine Gedanken zum Totensonntag

Kein Menschen in der Welt –
ja nicht einmal unsere Brüder, die Tiere,
sofern sie weit entwickelt sind –
lassen leicht los, was ihnen lieb ist.
Wer diesen Verlust erfahren muss, der leidet.

Allen Lesern und Freunden unserer Arbeit
wünsche ich von Herzen
eine schöne und besinnliche Zeit.

Uta

In diesen letzten Novembertagen wird der Totensonntag begangen, die katholischen Gemeinden haben vor zwei Wochen bereits
an Allerheiligen ihrer Verstorbenen gedacht.
Der November ist ein Abschiedsmonat seit jeher,
selbst die Kultur der Kelten setzte ihr Sam Hain in diese Zeit.
Das ist vielleicht so, weil die Natur uns zeigt,
dass es nun unwiederbringlich heißt, Abschied zu nehmen.
Die letzten Bäume verlieren ihr Laub,
die Früchte es Sommers sind längst geerntet
und die Sonne macht mehr und mehr der Dunkelheit Platz.

Was liegt da näher, als diese Zeit mit dem Sterben zu verbinden? Aber ist der Tod wirklich ein „Novembergrau“? 
Kalt, hoffnungslos und einsam?

Wer mich kennt, weiß: 
Darauf ist meine Antwort ein deutliches: „Nein“!

Wenn ich schon im Monatsreigen des Jahres einen Monat aussuchen müsste, der dem Tod gleicht, würde ich den Mai wählen
oder gar den Juni.
Blühend und hell, warm und voller Düfte und süßer Früchte,
voller Blüten und dem Gesang der Vögel, so ist der Tod!

Wir gehen doch nach Hause,
gehen in die ganze reiche Fülle des Seins!

Dennoch ist der graue November, der uns nur selten,
dann aber mit bezaubernden Farbenglanz Licht spendet,
mit dem Tod verbunden.
Mit dem, den wir wirklich kaum ertragen können:
mit dem Tod derer, die wir lieben.

Nichts ist uns so schrecklich wie dies:
Loslassen müssen, wer doch so dringend zu uns gehört hat!

Das ist in den Schmerz müssen, in die Trauer,
in die Perspektivlosigkeit, das ist der Tunnel,
an dessen Ende wir kein Licht sehen.

Wundern Sie sich, dass ich als Medium so spreche?
Gerade weil ich ein Medium bin,
sehe ich den Schmerz der Hinterbliebenen, so wie er ist:
zuerst Abgrund tief!

In diesem Jahr hatte ich
überdurchschnittlich häufig Trauerseminare.
Nein, ein solches Seminar ist nicht dazu da, aufzuhören,
zu trauern um das, was nicht mehr da ist.

Das wäre eine Lüge auf tönernen Füssen,
wollte ich das für meine Klienten erreichen.
Ein Trauerseminar ist da,
um aus dem November in den Dezember zu kommen.
Aus der Aussichtslosigkeit in die gelebte und erfahrene Hoffnung.

Kein Mensch der Welt
– ja nicht einmal unsere Brüder, die Tiere,
sofern sie weit entwickelt sind –
lassen leicht los, was ihnen lieb ist.
Wer diesen Verlust erfahren muss, der leidet.

In unserer Gesellschaft trauern wir
viel zu gefasst, viel zu still, viel zu einsam.

Nach spätestens sechs Wochen sollen wir wieder NORMAL sein.
Aber das ist das Letzte, was wir je können!

Nie wieder werden wir die sein, die wir vorher waren!
Solche Ansprüche unserer Umwelt
lassen uns zu „Heuchlern“ werden:
Nach Außen tapfer und gelassen,
aber sobald wir unbeobachtet sind,
fallen wir tief und einsam.

Und darum bleibt der Schmerz,
wird zum Stachel im Fleisch,
verhindert neue Schritte für ein „Neues Leben“.

Unsere Trauernden sind allein!

Niemand, der ihnen die Sorge darum nimmt,
ob sie zu Lebzeiten des Verstorbenen
alles „richtig“ gemacht haben.

Und niemand, der bereit wäre,
auch noch zum hundertsten Mal zuzuhören,
wenn sie über all das reden wollen,
was sie als traumatisch erlebt haben.

Niemand, der ihnen erklärt, dass sie nicht verrückt sind,
wenn sie meinen, die Gegenwart des Jenseitigen wahrzunehmen.
Und erst recht niemand, der still mit ihnen weint,
obwohl der Verlust vielleicht schon Jahre lang zurückliegt.

Und weil das so ist,
sterben so viele Hinterbliebene zumindest teilweise mit.

Sie hören auf, ihr Leben zu gestalten,
sie sitzen ihre „Zeit“ ab und hoffen, es wird nicht zu lang.

Sie tun seltsame Dinge:
Sie gehen vielleicht täglich zum Friedhof oder tragen das schrecklichste Foto des Verstorbenen mit sich herum,
als ginge es darum, diesen Schrecken zu konservieren.
Und nachts hoffen sie, dass sie wenigsten träumen würden,
dieser Verlust hätte nie stattgefunden.

Ein Großteil meiner Arbeit gilt trauernden Menschen.

Vielleicht, weil ich dazu berufen bin.
Vielleicht auch einfach nur deshalb,
weil ich von Kindheit an immer wieder meine liebsten Menschen
ans Jenseits verloren habe und darum weiß,
wie das ist, wie sich das anfühlt, verlassen zu sein…

Aber ginge es nur darum, es wäre mir zu wenig!

Was ich auch weiß aus gelebtem eigenen Erleben
und aus inzwischen unzähligen Jenseitskontakten
und Trauertherapien:
Der Tod dessen, was wir lieben
– ob ein besonderer Mensch
oder ein geliebtes Tier
oder auch ein Ort, an dem wir hingen
oder ein Beruf, den wir liebten –
ist erst einmal Schmerz.

Aus diesem Schmerz heraus haben wir die Chance,
wenn nicht sogar die Aufgabe, etwas zu entwickeln,
das vorher nie so stark und klar war:
Uns selbst!

Wir entdecken uns neu, wir entdecken unseren Willen,
zu überleben, was unerträglich schien.

Wir entdecken unsere Fähigkeit für das, was wir hatten,
dankbar zu sein.

Und wir entdecken unsere Kraft, zu hoffen,
obwohl ganz sicher nie wieder irgend Jemand
oder irgend Etwas so sein wird wie das,
was uns der Tod geraubt hat.

Und wenn alles gut läuft,
dann entdecken wir vielleicht unser Mitgefühl mit all denen,
die noch mitten im November ihres Lebens stecken.

Wir verlieren den Schmerz nicht!
So wenig wie die Sehnsucht,
so wenig wie die Liebe.
Aber wir haben die Chance,
zu all dem die Fülle an Freude dazu zu nehmen,
die uns unser Leben danach zu bieten bereit ist.

Ich kann nicht jedem helfen,
nur wer mich sucht, findet mich.

Aber falls sie, liebe Leser, irgendwen wissen,
der gerade trauert, helfen sie ihm so,
wie sie selbst sich Hilfe gewünscht hätten.
Das wäre ein guter Anfang für einen gelungenen Übergang
vom November in den Dezember,
vom Schmerz des Abschieds zur Hoffnung einer Neugeburt.

Mit freundlichen Grüßen

Uta Hierke-Sackmann