Wünsche

Verstorbene – Spirituell? Nenne es doch beim Namen! Du bist medial!

Ein Ahnen-Kontakt zwischen Oma und Enkelin.
Spirituell?
Nenne es doch beim Namen!
Du bist medial!
Wir alle waren medial:
Ich,
mein Vater,
meine Oma.
Aber es gab auch immer
Menschen mit viel Phantasie,

die gibt’s immer noch.

Medialität fällt nicht einfach so vom Himmel! 
Das kann man nur auf zwei Wegen vernünftig leben:
Entweder du verdrängst das, wie ich es getan habe! 

Oder du lernst, damit umzugehen.
Das ist kein Spiel!
So oder so nicht!

Ich bitte meinen Guide, mich mit Doris zu verbinden.
Sie sitzt mir sofort gegenüber, sieht mich mit großen Augen an,
dann stützt sie die Ellenbogen auf den Tisch,
legt ihr Gesicht in ihre Hände…


D. Na, Mensch, da muss ich mich jetzt aber erst mal sammeln.
Ich dachte, das ist einfach,
was hast du denn alles in deinem Kopf?!


U. Ja, Doris, dann sag ich erst mal:
Herzlich Willkommen.
Ich habe gar nicht gemerkt, dass du rein gekommen bist.


D. Ne? No!


U. Na ja, ein bisschen…
Was meinst du damit:
Dass du dich erst mal sammeln musst?


D. Ja, wenn ich aufgeregt bin…
Dann kommt da nichts (fasst sich an den Kopf).


U. Sie macht dann eine Bewegung mit Zeige- und Ringfinger,
als wenn im Kopf etwas dreht, ich schaue sie fragend an…


D. Ja, nein, ich hab doch keinen Piep gehabt,
aber das war zum Schluss so.
Ach, lass das jetzt, das macht uns keinen Spaß.

Sie hat eine Plastiktüte dabei,
als wäre sie gerade einkaufen gegangen.
Zuerst legt sie eine Schachtel gefüllte Waffeln auf den Tisch,
macht sie auf, zieht das Innere etwas raus,
schaut mich von unten her an, ganz ernst…


D. Kannst dir welche nehmen, kostet ja nischt!

Dann erst lächelt sie, kramt weiter in der Tüte.
Jetzt legt sie ein Knäuel Strickgarn
mit zwei feinen Nadeln darin auf den Tisch,
nur kann sie sich über die Farbe nicht entscheiden:
Hellblau oder Rosa?
Letztlich entscheidet sie sich für Creme-Weiß.


D. Ist ja egal, heute ist so was doch egal!
Ist auch besser so!
Guck mal!

Sie steckt mir ihre Hände hin.
Groß scheinen sie mir und die Gelenke so dick,
sie glänzen, als hätte sie diese Hände eingecremt.
Irgend wie scheint sie das auch getan zu haben,
denn es duftet, irgendwas mit Kräutern.

D. Solche Hände kriegst du, wenn du immer hart gearbeitet hast,
die kriegst du nicht vom Schreibmaschine-Schreiben.

Kalte Erde, Wah! (Sie schüttelt sich.)
Ne, das möchte ich gar nicht mehr wissen, wie das war!

Aber ich hab uns durchgebracht, ist immer vorangegangen mit uns! Ja!
Manche sagen, die Zeiten war schlecht.
Ich sage: Wir hatten, was wir brauchten
und arbeitslos war auch keiner.
Aber wer will das schon wissen.
Und die Ärzte waren auch besser!
Jawoll!
Die hatten noch Zeit!
Hat doch heute keiner mehr!
Bist du nur `ne Nummer und dann ab mit dir.

Der soll bloß aufpassen!
Die wissen nur das, was der ihnen erzählt.
Sagt er nichts,
wissen die nichts!

U. Ist das richtig, dass du deinen Mann meinst?

D. Ja klar! (Lacht.)
Hm, der hat immer gedacht, ich nehme ihn nicht!
Dabei hatte ich doch ein Auge auf ihn!
Nur ich habe auch gedacht, der nimmt mich nicht…


U. Warum? 

Als Antwort bekomme ich „Größe“,
verstehe aber nicht, was sie meint…


D. Ach, macht nichts, die wissen das schon.
Sag ihnen mal schöne Grüße!
Und die sollen sich nicht so haben wegen mir!
Mir geht’s gut!


U. Wem geht’s nicht gut?
Deinem Mann?


D. No ja, der will nachrücken, ist nichts mehr mit ihm.
Er denkt, dass er nicht mehr gebraucht wird,
aber der redet ja nicht!
Dann rede eben ich jetzt!
Ist mir egal, ob das verboten ist oder nicht.


U. Ich bin sicher, das geht in Ordnung,
du verrätst doch kein Geheimnis.
Deine Enkelin macht sich – glaube ich –
sowieso so ihre Gedanken um den Opa.


D. Na ja, die sind jetzt auch hilflos,
was sollen sie auch trösten?
Ich bin weg, das lässt sich nicht ändern.
Was willst du da tun?
Jetzt hat er beschlossen, zu warten.
Jeden Tag wartet er, dass er auch dran kommt!
Das ist doch kein Leben!

Mensch, als der jung war!
Du!
Der hat mir gut getan! (Lacht.)
Der brauchte mich nur anfassen.
Ach ja, das war schön, war gut!
Fleißig waren wir!
Da hat es Neider gegeben von Anfang an.
Aber das war uns egal!
Und die Kinder, die waren auch so:
fleißig und anständig!
Muss man da neidisch sein?
Ich war das nie!
Ich hab immer gedacht:
Dass man sich sein Glück selbst machen muss!
Man darf nicht warten, dass es Andere für einen tun.

Streit konnte ich nicht leiden.
Da hab ich lieber gar nichts gesagt und trotzdem gemacht,
was ich für richtig hielt! 
Warum streiten?
Es tut ja doch jeder das, was ihm gegeben ist.

Ach (seufzt), meine Familie!
Das war das, was zählte!
Und Zusammenhalten mit ihm.
Abends ins Bett gehen und sich an der Hand halten.
Ich war ein Mensch, der zufrieden war,
das ist doch nicht falsch!
Jedem legt das Schicksal die Karten,
aber was man daraus macht, das liegt bei jedem selbst.

Kommst du mit?

U. Wohin?


D. Kannst du dir aussuchen:
Wandern oder Himbeeren pflücken!

Sie geht vor, ohne eine Antwort abzuwarten.
Ich stehe in einem Garten,
alles ordentlich in Reih und Glied,
aber auch Blumen, Dahlien.
So schöne Dahlien!


Und sie steht da in einer grauen Hose
– ich denke, es ist Jersey –
und pflückt seltsam zart und geschickt
mit diesen großen Händen
und den verdickten Fingern die Früchte ab.
Nicht eine zerquetscht sie, so aufmerksam ist sie!

Ein Vogel kommt
und lässt sich in einem Busch nah bei ihr nieder.
Ohne ihn anzusehen, spricht sie mit ihm
und er antwortet mit seinem Gesang.
Das gefällt ihr, sie lächelt…

Ihr Blick geht über die Hecke des Gartens
weiter zu bewaldeten Bergen.
Überall singen nun Vögel!
Die Sonne sinkt und der Himmel beginnt,
sich zart Rosa zu färben.


D. Das ist doch schön, nicht?
Ist das nicht schön, dass ich hier stehen kann?

U. Ich bin mir nicht sicher,
ob ich hier etwas übertrage, das nicht zu ihr gehört.
Das Bild ist unscharf, mag symbolisch zu verstehen sein.
Aber ich sehe zwei Krücken an der Hecke abgestellt.
In dem Moment, wo ich sie sehe,
spüre ich überall Schmerzen:
im Rücken, zwischen den Schulterblättern,
aber auch in der Hüfte,
in den Knien, es haut mich fast um!
Diesen Schmerz weise ich von mir!

Doris beobachtet mich nur ganz ruhig, als wolle sie mich studieren.
Dann sagt sie: Das musst du nicht machen, Mädchen!
Das geht dich nichts an!
Jeder muss seine eigene Last tragen!

D. Schmerz ist nicht gut, das macht einen mürbe!
Das ist, als wenn du bestraft wirst für all das Glück!
Als wenn einer meint, zu viel Glück macht übermütig.
So was denken Menschen, die immer Schmerzen haben, ja…

Na lass, hier gibt’s keine Schmerzen!
Die gibt’s nur in der Welt!
Mir geht’s gut!
Weißt du, was gut ist?
Dass ich keinem Kind mehr die Schularbeiten durchsehen muss!

Warum müssen die bloß die Eltern und Kinder so quälen?
Warum muss lernen eigentlich so Todernst sein?
Ich hab das nie verstanden!
Können die nicht Kinder einfach Kinder sein lassen?
Aber ne!
Alles muss krumm gemacht werden von Klein auf!
Als ich jung war, waren es die Nazis und später:
Na ja, auch nicht besser.

Und ist es heute besser?!

Kinder sind gut, wenn sie auf die Welt kommen!
Wenn ich noch mal auf die Welt komme,
dann nur in eine, in der man die so sein lässt,
wie sie gekommen sind.
Ich will so was nicht noch mal erleben!

U. Du liebst Kinder sehr?

D. Ja!
Alles, was echt ist!
Ja, auch Echten!

(Sie gibt mir den Geschmack eines Likörs auf die Zunge
und lacht, weil sie merkt, wie mich das verblüfft!)
Und dann hält sie mir ihre geöffnete Hand hin.
Ich spüre ihre Hand in meiner,
die Finger sind angenehm kühl,
aber auch ein bisschen rauh.
Und ich spüre, was das macht, ihre Hand zu halten:
Es macht ruhig, tief in mir werde ich ruhig.
Und es macht noch etwas.
Mir fällt kein anderes Wort dafür ein, außer:
Dass plötzlich alles unkompliziert ist!


Was will sie mir da sagen?
Dass mit ihr sein oder bei ihr sein bedeutet,
man hat ruhiger zu werden und gradliniger,
klarer im Kopf und im Herzen? 

Sie nickt nur, als ich das denke.
Dann nimmt sie eine Gießkanne aus grauem Metall.
Ich will ihr beispringen, aber sie sagt nur:
Lass, das kann ich doch!
Wir sind im Himmel!
Und ich gieße selbst, was Durst hat!


U. „Manchmal doch ein bisschen barsch?“
Das denke ich und irgend wer sagt:
„Sie will sich einfach nicht helfen lassen.“
Ich weiß nicht, woher die Stimme kommt,
es ist eine weibliche Stimme…

Doris gießt Blumen, dann Salat, dann Tomaten,
ich habe zu warten.
Doris gießt!
Will sie meine Geduld auf die Probe stellen?


D. Kannst ja reingehen,
Kuchen steht auf dem Tisch…

Sie sieht gar nicht zu mir,
während sie das sagt, gießt einfach weiter…


U. Weißt du, deinen Kuchen kann ich ja doch nicht essen. 
Da würd ich gern beschreiben,
wie ich dich empfinde!
Deine Persönlichkeit.


D. Hast du doch!


U. Das reicht ja vielleicht nicht…


D. Wenn du meinst!


U. Du korrigierst mich,
wenn ich was falsch verstehe?


D. Och, du machst das schon!

U. So einfach finde ich das gar nicht!
Sie ist nicht leicht zu beschreiben.
Auf der einen Seite wirkt sie seltsam spröde,
scheint verschlossen,
auf der anderen Seite so warmherzig!
Wie soll ich das beschreiben?

Im ersten Moment hab ich einen Schreck bekommen
vor ihrer Energie: so viel!
Und dann ist es eine Energie,
da willst du am liebsten nicht mehr raus.
Und genau in dem Augenblick, da geht sie auf Distanz
und gießt Blumen!
Wer soll daraus schlau werden?

Ich würde gern sagen,
dass sie eine absolut mütterliche Energie hat,
aber es ist seltsam bei ihr:
In ihr ist auch sehr viel Väterlichkeit.
Es scheint, als würde sie alles in sich haben,
was ein Mensch braucht, um sich geborgen zu fühlen.
Mitgefühl ja UND auch ganz klare Werte,
Grenzen und Richtlinien…

Diese Frau ist irgendwie immer Beides:
männlich und weiblich,
sanft und gradlinig,
mitfühlend und begrenzend!

Ehrlich gesagt:
Jemand wie sie ist mir noch nicht begegnet!
Wie kann ein einzelner Mensch
zugleich traurig und fröhlich sein?
Sie kann!

Oder die andere Variante: Ich hab heute den schlechtesten Tag
meiner Laufbahn als Medium.
So komme ich nicht weiter.
Ich versuche, mich in ihr Leben hinein zu versetzen.

Zuerst die Kindheit:
Ich sehe sie und eine Frau mit dickem Bauch
(schwanger, würde ich sagen) und andere Kinder
und weiter entfernt andere Familien.
Sie klauben Kartoffeln von der Erde auf
und werfen die in große Körbe.

Es ist so kalt, der Boden klebt schwer an den Füßen.
Ich spüre, wie der kalte Wind ihr bis in die Knochen geht,
die Finger sind fast blau und tun weh, aber sie klagt nicht.
Sie sammelt weiter auf, sie ist da vielleicht 11 oder 12 Jahre alt.
Sie hat solchen Hunger, dass sie fast in die rohe Kartoffel beißt!
Aber das macht sie nicht, jede Kartoffel zählt!


Jetzt sehe ich ein flaches Häuschen oder eher Stall,
aber gemauert, nicht aus Holz.
Draußen an einem Haken hängt ein Schwein,
das dampft in der eiskalten Luft.
Ich sehe durch ihre Augen darauf und spüre,
wie ihr die Tränen kommen.
Aber das lässt sie sich nicht anmerken.

Tapfer geht sie da zu den Leuten.
Jetzt erkenne ich: Es ist kein Stall, es ist eine Waschküche.

Sie ist ein junges Mädchen, lange, dichte Zöpfe…
Da ist wieder die Frau,
die scherzt da mit zwei jungen Männern,
die hemdsärmelig an einer Art Tapeziertisch stehen,
auf dem sehr viele Zwiebeln liegen.

Irgendwo in der Ecke ist noch ein Mann:
ganz grau, wie ein Schemen nur.
So sehe ich für gewöhnlich Seelen,
die noch im erdnahen Bereich sind.

Dieser Mann trägt Uniform und ist schwer am Bein verletzt,
die Anderen nehmen keine Notiz von dem „Grauen“.

Doris tut so, als ob sie ihn nicht sieht.
Aber sie sieht ihn!
Sie hat gar nicht wegen des Schweins geweint!
Sie hat SEINE Tränen geweint.

Doris muss zu der Zeit sehr medial gewesen sein
oder sie hatte einen ganz besonders innigen Bezug zu diesem Mann,
solange er lebte.
Ich schätze sie auf 14 oder 15 Jahre alt.

Jetzt zeigt sie mir einen Saal, der ist
– obwohl er wirklich sehr einfach ist –
mit Ölfarbe als Sockel an den Wänden bemalt
und mit Fenstern, die auch schon bessere Zeiten gesehen haben.
Festlich geschmückt mit roten Fähnchen und Maigrün,
lange Tische und viele Stühle, in der Mitte eine freie Fläche.

Doris hat das Haar jetzt kurz und es wellt sich ein wenig,
es ist ein warmer Braunton.
Sie trägt ein Kleid, auf das sie anscheinend sehr stolz ist:
geblümt mit einem weißen Gürtel.
Sie wäre jetzt beinah elegant zu nennen,
wenn sie da nicht statt Nylonstrümpfen weiße Söckchen anhätte,
aber da ist sie nicht die Einzige hier.

Groß wirkt sie auf mich!
Groß und stark und schlank, wunderschön.
Und sie hat etwas an sich, etwas Wildes, Echtes.
Ich kann es kaum beschreiben.

Ein junger Mann schaut zu ihr,
der sitzt mit sehr! sorgfältig frisiertem Haar im Anzug da
und schaut sie immer nur an,
während Andere ausgelassen tanzen.

Ich habe den Eindruck, der würde gerne auch tanzen!
Und zwar mit Doris!
Aber er traut sich nicht!
Er denkt, er ist ihr zu „klein“.
Ich bin mir nicht sicher, ob sich das auf seine Körpergröße bezieht
oder auf andere Werte…


Jetzt sehe ich von einem Berg aus in ein Tal.
Genau genommen sehe ich dort unten eine Fabrik
und einen hohen, aus Ziegeln gemauerter Schornstein.
Es erinnert mich an den Anblick einer Glasfabrik, die ich kenne,
vielleicht gerät mir hier auch eigene Erinnerung dazwischen.

Ich weiß es nicht auseinander zuhalten,
denn das Geräusch, das ich wahrnehme, ist anders.
Eher wie das einer Kreissäge, das bringe ich nicht zusammen.

Jetzt steh ich in einem Zimmerchen, ein Bett rechts, ein Bett links,
erst eine klein gemusterte Tapete, dann eine im Stil der Siebziger,
groß gemustert und für unseren Geschmack zu dunkel.

Bei diesen beiden Betten, da schwankt das Bild wie in der Zeit
immer hin und her:
Einmal liegen darin Kinderchen,
ganz süß, schlafend, mit roten Wangen.
Und ich sehe, wie Doris auf Zehenspitzen ans Bett geht
und jedes Kind streichelt und noch einmal zudeckt.

Dann geht sie über einen kleinen Flur in eine Küche
und schreibt etwas auf einen Zettel,
das liest sich wie einige Anweisungen.
Neben dem Zettel legt sie in Butterbrotpapier eingewickelte Brote,
leise spielt ein Radio im Hintergrund, es ist vier Uhr: 
„Guten Morgen, liebe Hörer.“

Sie steht auf, nimmt eine Tasche,
sieht sich in der Küche noch einmal um.
Alles ist blitzsauber aufgeräumt, sie macht das Licht aus.
Es ist ein seltsamer Schalter:
Schwarz und man muss ihn drehen,
die Stromleitung liegt auf der Wand.

Als Nächstes sehe ich ein schwarzes Fahrrad,
ich weiß aber nicht, ob es dazugehört.

Die nächste Szene.
Ich stehe am Meer, schön ist es hier:
Dünen, Sand und ganz flach das Wasser, aber es ist voll!
So viele Menschen!
Das ist aber auf gar keinen Fall etwas Modernes wie etwa Mallorca,
es ist alles einfach, unspektakulär.

Doris steht da, irgend wie wie verloren.
Ich glaube, das ist ihr einfach zu laut.

Und das Meer – na ja!
Ich bekomme: Tannen waren mir lieber!
Kann das sein?
Sie bestätigt das noch mal:
„Mit so was hat ich nichts am Hut!“

Szenenwechsel, ganz andere Stimmung.
Ich sehe eine dieser – hm – drehenden Kerzen-Pyramiden.
Weihnachtlich ist es und es duftet sehr,
so eine Mischung aus Vanille-Keks und Tannen und Rauch.

Doris packt ein mit Weihnachtspapier so dünn und weich,
dass es zu reißen droht.
Sie packt Woll-Dinge ein,
was GENAU, kann ich nicht erkennen,
aber Eines ist Tannengrün,
das Andere Rot.

Gut fühlt sie sich, glücklich.
Die Wohnung ist anders, moderner,
die Fenster Doppelglas-Scheiben.

Aber es ist wieder ein Küchentisch, auch moderner,
wenn auch im ländlichen Stil.
Ich weiß nicht, warum,
aber ich bekomme Weinbrandbohnen gezeigt,
die Packung ist auf und es fehlen Zwei
und das fühlt sich auch gut an…

Jetzt bekomme ich eine Puppe gezeigt
– nein, gleich mehrere –
wie mir scheint, keine, mit denen ein Kind spielt.
Eher solche, wie manche Frauen sie sammeln.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas zu ihr passt,
aber sie zeigt mir diese edle Sammlung,
warum auch immer…

Jetzt ein anderes Bild:
Ein Treppenhaus, ich sehe von oben die Treppe hinab
und es ist mir schwer.
Es ist, als hätte ich keine Ahnung, wie ich da hinunterkommen soll,
diese Stufen machen mir irgendwie Angst.
Jetzt sehe ich die von unten und es fühlt sich auch nicht besser an.
Sie wischt das weg, verärgert,
dass es überhaupt kam,
und wechselt nahtlos zur nächsten Szene.


Sie ist schon etwas älter – vielleicht Mitte 50 – und liegt im Bett.
Auf der anderen Seite liegt ein Mann, ich sehe nur den Rücken,
dazwischen liegt ein Kind und redet und redet und redet.
Und ihre ruhige, tiefe Stimme antwortet so leise wie möglich,
unendlich geduldig voller Liebe.

Sie treibt das Kind nicht,
dass es schlafen soll, ruhig sein soll.
Es schläft angekuschelt auch so ein, Doris liebt diesen Augenblick.
Das Kind duftet irgendwie nach Nivea
und die Bettwäsche duftet auch.
Doris liebt das!
Es ist ein schöner, schöner Augenblick für sie.

Jetzt sehe ich weißes Licht über mir,
Geklapper, Männerstimmen, Frauenstimmen.
Aber außer dem Licht sehe ich nicht, wer da was sagt.

Ich verstehe es nicht einmal, die Worte sind bloße „Geräusche“,
die ich nicht verstehe, ich kann nichts damit anfangen.

Ich habe einen starken Druck zwischen Brustbein und Magen,
ich möchte was sagen, aber irgendwas ist da im Mund,
es geht nicht.
Dann hör ich es Piepsen, ein langgezogener,
schriller Ton wie Ohrenklingeln, nur lauter…

Aus diesem Ton wird Musik.
Dann wird alles hell, gleißend hell,
irgendwo höre ich eine Kirchenglocke läuten.

Ich höre wieder Stimmen, Satzfetzen:
„Sie war so tapfer!“
„Es ist das Beste für sie!“
„Ich will aber nicht, dass sie tot ist!“
„Sie ist nicht tot, sie schläft nur!“

Ich weiß nicht, ob ich jetzt zu diesen Stimmen soll,
aber anscheinend nicht.
Ich sehe einen Mann,
er steht vor einem hellen Licht, er sagt:
Da bist du ja, Mädchen!

Ich glaube, es ist mein Vater.
Ist es mein Vater?
Ich werde zu ihm „gespült“,
anders kann ich es nicht sagen…

Und Schluss, der „Film“ reißt hier,
weiter darf ich nicht sie sein!

Wir stehen wieder in ihrem Himmelsgarten.
Sie sitzt an eine Wand gelehnt und strickt.


D. Du glaubst, sie erkennen mich nicht?


U. Hm


D. Na komm, setzt dich hin, lies mir vor,
was sie fragt…
Du gehst zu weit, weißt du das?
Du darfst nicht mit sterben!

U. Du hast mich mit gerissen…

D. Deine Sorge hat dich mit gerissen,
dass sie mich nicht erkennen…


U. Du hast Recht…


D. Mein Leben war nicht nur schön,
das geht auch nicht.
Aber warum soll ich mich an meine Sorgen erinnern?
Warum soll ich mich daran erinnern wollen,
dass ich mich so oft gefragt habe,
warum Menschen, die sich mal geliebt haben,
so viel antun?


Jede Mutter will, dass ihre Kinder nur Glück erleben.
Und jede Mutter leidet, wenn das nicht so ist.
Aber warum soll ich mich daran erinnern wollen?
Lass es gut sein!


U. Die Fragen deiner Enkelin noch?

D. Ja!
Aber mach es kurz, du warst gerade fast tot!

U. Okay…

D. Ooooooooookäääääääääääääääääää, auch so was!


U. Anita schreibt:
Sie ist unendlich glücklich, dich als Oma zu haben!
Sie vermisst dich unheimlich
und würde so gern mit dir knuddeln,
dich knutschen, anfassen und reden.
Sie weiß: Du bist da, aber leider nicht zu sehen.


D. Lächelt, sagt dazu aber nichts,
zählt stattdessen lautlos Maschen.


U. Sie hat viele Fragen, aber sie glaubt,
dass du ihr zuerst noch was sagen möchtest?


D. Hm…
Ich hab alle lieb, das weiß Anita.
Aber ich möchte ihr sagen,
dass zwischen ihr und mir etwas Besonderes ist!
Wir sind eben ganz nah,
sie hat vielleicht ein anderes Temperament, aber sonst?
Ich glaube, alles,
was ich an guten Ratschlägen zu geben hatte,
habe ich gesagt.

Nur eins, das konnte ich nicht so einfach sagen:
Ich habe IMMER Tote gesehen!
Immer, überall, mein Leben lang.
So ist das!
Manche sehen, manche fühlen.
Ist egal, was es ist:
Es ist nicht normal und mir hat das Angst gemacht.

Ich will nicht, dass es dir Angst macht!
Ich will, dass du es einfach so siehst, wie es ist.
Rede mit der Frau hier darüber, was du fühlst und was du weißt,
obwohl es dir kein Lebender sagt.

Ich wollte, dass du sie triffst, damit es dir nicht geht wie mir!

U. Anita fragt, wie es dir geht,
ob du dich geborgen fühlst und glücklich?


D. Och, Kind!
Was denn sonst?
Deine Omi hat keine Schmerzen mehr und keinen Verstand,
der ihr alles Glücklich sein kaputt redet.
Und über Nachbarn, die einem nicht mal mehr Guten Tag sagen,
brauche ich mich auch nicht zu ärgern!


U. Sie fragt, ob du immer, wenn du möchtest,
zu ihnen kommen kannst?


D. Nein (sie legt das Strickzeug zurück in eine Tüte),
nicht immer, ich muss das absprechen mit euren Engeln.


Sie schaut mich mit einem Lächeln an:
Na, hör mal, das willst du doch auch gar nicht,
dass ich zu jeder Zeit in dein Leben schneie!
Es gibt da doch im Leben einer jungen Frau Stunden,
von denen will die Oma auch nichts wissen (lächelt).


U. Darfst du mir sagen:
Wer aus unserer Familie spirituell war / ist?


D. Du!
Und deine Mutter, Kind!
Spirituell?
Hm, nenne es doch beim Namen!
Du bist medial!

Ich, mein Vater, meine Oma waren medial.
Aber es gab auch immer Menschen mit viel Phantasie,
die gibt’s immer noch.


U. Möchtest du ihr noch mehr über ihre Spiritualität erzählen?


D. Anita, LERNE!
Das fällt nicht einfach so vom Himmel,
das kann man nur auf zwei Wegen vernünftig leben:
Entweder du verdrängst das,
wie ich es getan habe!
Oder du lernst, damit umzugehen.
Ist kein Spiel!
So oder so nicht.

U. Sie glaubt,
die Tante Marta hat was über sie gesagt,
ob du ihr verraten kannst,
was und ob du über Andere reden darfst.


D. Jetzt lass doch die Tante Marta!

Anita, hör gut zu!
In unserem Blut fließt Zigeunerblut, keiner weiß das!
Aber es ist da und es sind Fähigkeiten da, aber auch Ängste!
So ist das mit uns!
Das hab ich auch erst hier verstanden, diese Zusammenhänge.

Über Andere reden darf ich nicht, das weißt du aber auch!

U. Darf sie mit den Anderen darüber reden,
mit dir Kontakt aufgenommen zu haben?
Werden sie es verstehen?


D. Weißt du, mach es so:
Wenn sie dich fragen, was du von so was hältst,
dann sei ehrlich!
Wenn sie nicht fragen, ist es noch nicht so weit,
dass sie es verkraften können.


Das gilt auch für den Opa!
Er würde verkraften, dass ich mit dir spreche,
aber nicht, dass er weiterleben muss.
Sag´s ihm nicht, nicht jetzt!
Sag´s ihm,
wenn er sich selbst darauf vorbereitet,
zu gehen, dann ist es gut!


U. Was ist mit Karin?
Ich glaube, sie ist traurig, weil sie dich nicht spürt wie ich
und sie hofft, dass du bei ihr bist…


D. Ich mach doch keine Unterschiede!
Sie hat Angst, mich zu fühlen, sie will diese Angst nicht,
aber die ist nun mal da.
Sag ihr, sie fühlt mich nicht außen.
Sag ihr, sie spürt mich INNEN!
Vielleicht hat sie dann weniger Angst.
Liebe kann jeder fühlen, auch die, die nicht medial sind.

Anita, man braucht viel Mut, um anders zu sein als Andere!
Ich war so eine mutige Frau,
aber den Mut hatte ich nie,
mich dazu zu bekennen.

Du hast bessere Zeiten, was das angeht,
aber Mut brauchst du auch!
Die Entscheidung kann ich dir nicht abnehmen,
so wenig wie deiner Mama.
Das müsst ihr mit euch ausmachen, wie viel ihr können WOLLT.

Ich wäre so gerne auf meine Kinder mehr eingegangen.
Das geht nicht,
die Frau kann das nicht schaffen ohne Zuordnung,
aber das weißt du doch selbst.

Ich hatte ein großes Herz und das ist eher noch größer geworden.

Falls deine Mama dich fragt:
Sag ihr, ihr hätte ich genau das Gleiche gesagt!
Und ich weiß, dass sie mich gesucht hat.
Und ja, sie hat mich gefunden…


Aber Kinder, ihr wisst zu wenig!
Es ist gefährlich, wenn ihr so weiter macht!

Redet mit der Frau hier,
ich kann das nicht alles aufzählen.
Aber denkt dran: Warum sollte ich wollen,
dass du ein Reading machen lässt?
Ich weiß doch, dass ihr mich fühlt!

Es gibt nur einen Grund:
Ich will, dass ihr dabei behütet seid!


U. Vielen Dank, Doris, ich hoffe,
dass dich Anita erkannt hat!


D. Reg dich nicht auf wegen meiner Sprache!
Sie wissen, wie ich gesprochen habe, du nicht.
Du musst es schreiben, wie es in dir klingt,
es ist schon alles in Ordnung.

Jetzt ruh dich aus, Mädchen!
Es wird Zeit, dass du Feierabend machst.


U. Danke für deine Fürsorge,
danke für deine Hilfsbereitschaft!
Ich wünsche dir noch ein wundervolles Sein,
Doris, auf Wiedersehen!

Damit ziehen wir uns von einander zurück…

Ich habe das Gefühl,
einem sehr besonderen Menschen begegnet zu sein.
Ob ich ihm gerecht wurde?

Wie könnte ich!