Kinder

Gastbeitrag – Kinder sind das Beste, was diese Erde bietet.

Es heißt,
die Kinder als kleinste Menschen,

als neue Seelen, die auf der Erde leben,
Willkommen zu heißen
und ihnen beizustehen.

Das ist der Idealfall.
Und das sollten wir unseren Kindern geben,
bevor wir sie in die Welt entlassen,
bevor Fremdheit in ihr Leben tritt.
Das sollte sich ein Land wie Deutschland leisten können.

Eine Kinderärztin, die nicht genannt werden möchte.

Jeder Mensch ist einzigartig.
Jede Kinderseele ist es auch!

Wir leben in einer Zeit und in einem Land,
in dem wir nicht mehr täglich
um das nackte Überleben kämpfen müssen.
Wir können uns die Zeit nehmen, unsere Kinder zu sehen,
ihnen zu begegnen und
ihnen bei ihren ersten Schritten in die Welt beizustehen.

So entsteht Bindung.
Bindung, das ist definiert, kategorisiert
und kann sogar getestet werden.

Aber was ist denn Bindung?
Bindung ist die Fähigkeit zu gerichteter Liebe.
Bindung ist die Fähigkeit,
sich fallen zu lassen und darauf zu vertrauen,
dass man aufgehoben wird. 
Bindung ist das Wissen darum, Teil eines Ganzen zu sein!
Bindung heißt: nicht Allein zu sein.

Es sind die „Wurzeln“ – von denen Goethe spricht –
dass man sie seinen Kindern geben möge.
Bindung ist unser Anker,
wenn um uns herum der Lebens-Sturm tobt
und das Schicksal Wellen schlägt.

Und jeder von uns, der Kinder hat, „bindet“ diese!
Was nicht heißt, sie zu vereinnahmen.
Es heißt:
Die Kinder als kleinste Menschen,
als neue Seelen, die auf der Erde leben,
Willkommen zu heißen und ihnen beizustehen.
Das ist der Idealfall!
Und das sollten wir unseren Kindern geben,
bevor wir sie in die Welt entlassen,
bevor Fremdheit in ihr Leben tritt.
Das sollte sich ein Land wie Deutschland leisten können.

Aber ist das der Fall?
Ich arbeite seit fast 10 Jahren
als Ärztin in der Kinderpsychiatrie.
Ich habe viele ungebundene Kinder gesehen:
desorganisierte, verlassene, erkaltete Kinderseelen.

Ich kenne den stumpfen Blick und das gleichgültige Achselzucken,
dass diese Kinder präsentieren.
Ich kenne ihre wahllose Freundlichkeit, ihre Grenzenlosigkeit,
mit der sie manchmal sich selbst
und manchmal die Menschen
in ihrem Umfeld verletzen.

Es ist Teil meiner Arbeit,
diesen Kindern und Jugendlichen,
diesen ungebundenen und irgend wie allein gelassenen Seelen
im Alltag zu begegnen und Schadensbegrenzung zu betreiben.

Ich kann es nicht anders ausdrücken!
Denn das ist es, worum es bei diesen Kindern geht:
Es wird ein „geschützter Rahmen“
in einer Jugendhilfeeinrichtung oder einem Internat gesucht.
Es werden „flankierende Maßnahmen“
wie Ergotherapie, Psychotherapie
oder manchmal auch nur ein Sport beschlossen,
um sie einzubinden!

Einbinden ja.
Anbinden auch.
Aber Halten?
Wurzeln geben, die tragen?
Innere Gewissheit,
dass ihr Platz im Leben berechtigt ist
und dass Liebe bedingungslos und ohne „Aber“ existiert?
Nein!

Bindung lässt sich nicht nachholen!
Sie ist vorhanden oder nicht!
Sie entsteht in den ersten Lebensjahren
durch ein kontinuierliches, wertschätzendes Umfeld,
in dem ein Kind als das gesehen wird, was es ist:
Eine einzigartige Seele, die jetzt und hier gerade angekommen ist.

Wie viel Zeit geben wir unseren Kindern zum Ankommen?
Wie lange geben wir uns selbst?
Sind bereit, selbst einen Schritt vom Leben zurückzutreten,
um sie zu sehen,
um sie zu halten,
um ihnen den Raum zu geben,
den sie sich nehmen, wenn wir sie lassen?

Warum ich diese Fragen stelle?
Weil ich nicht glauben kann,
was ich selbst jeden Tag sehe
als Kinder-Psychiaterin und als Mutter eines zweijährigen Sohnes.

Weil ich nicht glauben kann,
wie viel Druck den Kindern zugemutet wird,
wie sie normiert und gepresst und funktionalisiert werden,
wenn sie noch nicht einmal richtig sprechen können.

Bitte verstehen Sie das nicht falsch:
Ich bin kein Gegner einer frühen gesellschaftlichen Integration
von Kindern in Kitas oder bei Tagesmüttern.
Ich bin nur gegen die Wahllosigkeit und die Machtlosigkeit,
mit welcher dies geschieht.

Der Druck an junge Eltern nimmt mit jedem Jahr zu! 
Die Kinder, die ich in der Praxis sehe,
werden immer jünger und die Eltern immer unsicherer.

„Stimmt etwas mit meinem Kind nicht“?
Das ist ihre Eingangsfrage.

Und dann höre ich Geschichten von zweijährigen Kindern,
die im Kindergarten nur apathisch in der Ecke sitzen
oder um sich beißen oder stottern und weinen.
Und über die die anderen Eltern sagen:
„Ach, mit dem spielt doch sowieso niemand!“

Meine Fragen sind immer gleich:
„War Ihr Kind schon immer so?

„Nein, früher war er ein Wirbelwind
und ist gerannt und hat gelacht.“

„Ist Ihr Kind jetzt immer so?“

„Nein! Wenn sie eine Woche zu Hause ist, ist sie anders.
Dann schläft sie, sucht Körperkontakt und beißt auch nicht.“

„Haben Sie das Gefühl,
dass Ihr Kind in der KiTa gut aufgehoben ist?“

Schweigen, Unsicherheit, manchmal
ein leises oder lautes „Nein“.

Die Fragen, welche die Eltern stellen, sind immer gleich:
„Was sollen wir tun?
Was müssen wir tun?
Warum passt sich unser Kind nicht an?“

Die Wenigsten fragen:
„Ist diese Situation gut für mein Kind?“

Und die Allerwenigsten beenden eine Situation,
wenn sie erkannt haben,
dass das Kind sich darin schlecht entwickelt.

Sie sind verunsichert und bleiben in einer Situation,
in der sie beobachten, dass es ihrem Kind immer schlechter geht:
manchmal ein halbes oder ein ganzes Jahr.

Mein eigener Sohn wird im Mai 3 Jahre alt.
Er liebt andere Kinder.
Und er spielt gerne.
Seit einem Jahr sehe ich erstaunt hoch gezogene Augenbrauen,
wenn ich auf die Frage:
„Und seit wann ist dein Sohn in der KiTa?“

antworte: „Er ist zu Hause.
Wir wollen ihn anmelden, wenn er drei ist.“

„Was, sooo spät?
Ihr habt doch einen Anspruch auf einen Platz.“

Im ganzen Viertel gibt es kein Kind,
das mit zwei Jahren noch zu Hause ist.
Teilweise aus Notwendigkeit, aber oft auch,
weil es gerade „in“ ist und weil es nun „möglich“ ist.

Ich bin froh, dass ich mich sicher fühle, „Nein“ zu sagen.
Unser Kind spielt mit anderen Kindern –
zu Haus bei uns im Garten oder bei den Nachbarn.

Aber auch bei uns ist der „KiTa-Druck“ angekommen.
Naiv habe ich mich bemüht,
für meinen Sohn einen Kindergarten zu finden,
der zu ihm passt.

Ich weiß, dass jetzt alle anderen Eltern lachen werden.
So darf man heute nicht mehr denken.
Das habe ich auch gelernt!

„Wir nehmen Ihr Kind nicht,
Sie gehören nicht zu unserem Einzugsbereich!“

Zwanzig Absagen tummeln sich in meiner Mailbox,
erst waren es nur Zwei.

Das waren die Kindergärten, die ich wirklich wollte.
Aber dann wollte ich es wissen und habe „breiter gestreut“.

Die Antwort war immer die Gleiche.
Selbst in den exklusiven Privat-KiTas der Großstadt
gab es keinen Platz mehr.

Inzwischen habe ich
– nach Intervention beim Jugendamt –
immerhin eine KiTa–Zusage.
Die KiTa ist klein: „nur“ 45 Kinder in 2 Gruppen.
Sie liegt direkt neben einem Bahnübergang an der Rheinbahnlinie: Güterverkehr und Personenverkehr.

Das Außengelände der KiTa ist ein geteerter Hof.
An der Rückseite der KiTa gibt es ein Gartentürchen
und den Fluchtweg der Feuertreppe
und direkt gegenüber der ungeschützte Bahnübergang.

Ursprünglich war er notdürftig durch einen Jägerzaun gesichert.
Jetzt baumelt altes, rot-weißes Absperrband zwischen
den aus den Angeln hängenden Zaunteilen.
Die Bahntrasse verläuft direkt dahinter.
Es schaudert mich!

Doch versichert man mir nachhaltig:
„Da ist noch nie was passiert.
Das wissen die Kinder doch, dass sie da nicht hinlaufen sollen.
Und das Tor ist doch zu.“

Mein Wunsch an alle jungen Eltern! 
Sehen Sie ihre Kinder an:
Diese wundervollen, kleinen Geschöpfe,
die gerade die Welt entdecken.
Nehmen Sie sie an und nehmen Sie sie mit
auf diese abenteuerliche Reise ins Leben.

Geben Sie ihnen IHRE Wurzeln,
IHRE Liebe und
IHRE Geborgenheit.

Und wenn Sie Ihr Kind in diese Welt schicken,
dann bleiben Sie dabei:
Fragen Sie nach, heben Sie ein trauriges Kind auf,
wenn es in der Ecke sitzt.

Versuchen Sie, zu verstehen, was ein Kind hemmt,
wenn es seine Sprache verliert.
Trauen Sie Ihrem Instinkt, wenn Sie merken,
dass Ihr Kind überfordert ist.

Und beenden Sie eine Situation, wenn Sie merken:
dass diese nicht gut ist für ihr Kind.

Fragen Sie nicht nur, ob sich das Kind ausreichend
an die Situation anpasst, die ihm begegnet.

Fragen Sie auch umgekehrt,
ob das Kind in dieser Situation gut aufgehoben ist!