Die Seele verändert sich nicht dadurch, dass ihr Körper stirbt.

Eine Seele verändert sich nicht dadurch, dass ihr Körper stirbt.

Uta: Hanna hat Fragen, um die geht es im Wesentlichen.

Anton: Warum machen wir das nicht gleich?
Warum die Wühlerei in mir?

Uta: Um dich zu verstehen.

Anton: Ist ja nicht so schwierig!
Ich bin nun mal so, damit musst du fertig werden.

Uta: Damit muss Hanna fertig werden,
das ist offensichtlich nicht leicht.

Zum ersten Mal während des ganzen Readings
kommt ein Gefühl hoch:
Das Gefühl hilfloser Traurigkeit,
als er den Kopf senkt und sehr leise sagt: Weiß ich.

Uta: Du weißt, dass du ihr was schuldig bist?

Anton: Ja.

Uta: Das ist schön, dass du das zugibst.

Verstorbenenkontakt

Ich bitte meinen Guide, mich mit Anton zu verbinden.

Ich muss nicht lange warten, es ist sofort jemand da.

Ich bin mir nicht sicher, ob er es ist, weil ich sein Gesicht nicht sehe.

Der Mann, der da steht, trägt eine Art Schlosseranzug – aber in Weiß – und einen Bauhelm oder etwas Ähnliches unter dem Arm.

Dieses Bild verändert sich: Jetzt trägt er eine eher schlecht sitzende Jeans, einen Pullover, darunter ein am Kragen offenes Hemd.

Das verändert er wieder: nun ein Anzug, Hemd, Krawatte, sehr saubere Schuhe. Bei dieser Kleidung scheint er nun zu bleiben.

Statt mich zu begrüßen, setzt er sich mir gegenüber, schaut auf die Uhr, stellt eine Tasche neben sich ab, während er Platz nimmt, und sagt:

Anton: Wird ja auch Zeit!

Uta: Guten Morgen, Anton!

Anton: Was? Ja…
Gut, fangen wir jetzt an?

Uta: Du hast anscheinend sehr gewartet?

Anton: Ne, aber meine Tochter.

Uta: Hm, hm…
Dann weißt du, dass sie ein Reading hier bestellt hat?

Anton: Ja, ich halte ja nicht so viel von dem Zirkus.
Aber das ist ihre Sache, ob sie für so was Geld ausgeben will.

Uta: Aha, Okay.
Aber jetzt hat sie es ausgegeben und deswegen machst du mit?

Anton: Was?
Ne, hab ich nicht gesagt!
Ich sage nur, dass man für so was kein Geld ausgeben muss.

Sie hätte mich auch so verstehen können mit ein bisschen mehr Anstrengung!

Uta: Wahrscheinlich wollte sie sichergehen.

Anton lächelt: Kann man das?

Uta: Anton, sag mal, was hätte deine Tochter denn wahrnehmen können, ohne zu mir zu kommen?

Anton: Das alles in Ordnung ist, mir geht es bestens.
Aber sie wird da wohl nicht mit fertig.
Ist so!
Das muss nicht sein, so soll das nicht ausgehen.

Also von meiner Seite aus jedenfalls nicht.
Ich bin eine ehrliche Haut, das kann nicht jeder vertragen.

Aber ich will nicht als schlechter Vater in die Geschichte eingehen.
Sind ja sowieso alle der Meinung, dass es mir immer nur um mich gegangen ist.

Uta: Und? War das so?

Anton: Ne, ich hab mir schon den A…
Ich meine, ich hab doch getan, was ich konnte, um allen zu geben, was sie brauchen, oder?
Da kann sich doch wohl keiner beklagen?

Uta: Anton, wie war das bei dir?
Hast du in deiner Kindheit gekriegt, was du gebraucht hast?

Anton: Ich?!
Hast du gesehen, wann ich geboren bin?

Hunger hatten wir, richtig Hunger.
Weg von Zuhause und dann Hunger.

Und dann wieder nach Hause und alles ist platt!
Das war meine Kindheit.
Von meinem Vater war keine Rede!
Da gab es kein Versorgt werden, da musste lernen, dich nach der Ecke zu strecken.

Uta: Das war also eine harte Kindheit?

Anton: Meine Mutter war gut!

Uta: Aber du hast Erinnerungen an deine Kindheit, die nicht gut waren?

Anton: Keine Lust, mich daran zu erinnern, da muss man durch!

Uta: Hast du viel Angst gehabt, als du klein warst?

Anton: Watt den, bin ich jetzt beim Bekloppten-Arzt?

U: Ne, aber du könntest hier was gut machen für Hanna.
Sie braucht das vielleicht, um dich zu verstehen.

Also, wie war das: Hattest du viel Angst als Kind?

Anton verschränkt die Arme vor der Brust: Ne!

Uta: Ich sehe aber, wie du dich noch ziemlich klein über einen alten Küchenstuhl beugst.
Und da steht jemand hinter dir steht mit einem Stock oder so was ähnliches und dir immer wieder kräftig auf den Po schlägt…

Anton: Ja und? Siehste auch, dass ich nicht geweint habe?

Uta: Ja, das ist sehr traurig…

Anton: Wieso denn? Das haben alle gemacht, sogar die Lehrer!
Was willste denn damit anfangen mit solchen Erinnerungen?

Wozu denn so was? War das so verkehrt?
Aus mir ist jedenfalls ein anständiger Kerl geworden!

Uta: Aha, geschlagen werden und Angst haben macht aus einem Kind also einen anständigen Menschen?

Anton aufgebracht und laut: Das hab ich nicht gesagt, komm mir nicht so!

Uta: Okay, lassen wir das.

Möchtest du mir sonst etwas sagen, damit dich Hanna auch erkennt?

Anton: Die kennt mich schon.

Uta: Bitte, es wäre wichtig für sie.

Anton: Ich sag doch: Ist nicht nötig!

Uta: Tja, darf ich dann bitte jetzt der Hanna schreiben, wie ich dich empfinde?

Anton: Wenn das was hilft, mach doch!

Uta: Liebe Hanna, sie merken schon, dass ich es ziemlich schwer habe mit Anton.

Er verschließt sich.
Manchmal kommen dennoch Bilder hoch, besonders was seine frühe Kindheit angeht.

Ich habe den Eindruck, das auf allerengsten Raum gelebt werden musste.
Es ist ein lauter Umgangston da in der Familie.
Es ist alles andere als die richtige Umgebung für ein Kind.

Was ich immer wieder sehe, ohne dazu Informationen zu bekommen, sind Bahngleise.
Vielleicht können Sie was damit anfangen: viele Bahngleise nebeneinander oder durch Weichen verbunden.

In einem anderen Bild sehe ich ihn auf einer Straße in einer ziemlich zerstörten städtischen Umgebung.
Trümmer sehe ich kaum, aber es sind viele leere Flächen wie abgeräumt und überall wird gebaut.

Wenig Autos, aber viele Menschen sind unterwegs.
Er ist noch ganz jung, vielleicht 8 Jahre alt und er hat seinen Ranzen auf dem Rücken.

In der Hand hält er ein Stück Brot fest umklammert. Es ist Abendstimmung…

Er haut ab.
Mein Eindruck ist der, dass er von zuhause abhaut oder sich gar nicht erst traut, von der Schule aus nach Hause zu gehen.

Ein trotziger, völlig verängstigter kleiner Junge.

Vielleicht ist dieses nie geborgen sein der Schlüssel für diese abweisende Art, die er mir gegenüber zeigt.

Mein Eindruck ist der, dass er in sich seinen eigentlich guten Kern verborgen trägt.

Verletzlich, ängstlich, unsicher, darüber eine Stahlbetonwand aus Abwehr.
Ein groß und stark machen.

Mir gegenüber zeigt er nicht den geringsten Respekt.
Ich habe den Eindruck: Wäre ich ein Mann, würde er sich eher öffnen.

Das ist wirklich unangenehm mit ihm und das weiß er auch.

Mir ist, als hätte er Ihnen gegenüber aber dennoch Wunsch und Wille, etwas verziehen zu bekommen.
Ich komme da mit NICHTS dran und kann nur hoffen, es ist nicht, was ich befürchte.

Etwas in ihm scheint mir unbeherrscht zu sein.
Wenn er so unfreundlich ist wie oben, dann ist das durchaus beabsichtigt.

Er will aus dieser „Nummer“ so schnell wie nur irgend möglich raus.

Aber abgesehen davon scheint es auch Ereignisse in seinem Leben gegeben zu haben.
Da war er nicht in der Lage, seine Affekte zu beherrschen, da „ging es mit ihm durch“…

Was auch immer.

Hier in dem Bereich ist keinerlei Durchkommen für mich, da liegt echte, tiefe Scham über das eigene so Sein.

Mir scheint es, als hätte ich hier ein „gebrochenes Kind“ vor mir, das sehr Schlimmes in der Kindheit erlebt hat.
Und das in der Folge seine eigene Art des Seins nicht mehr entwickeln konnte.

Als Kind erlebe ich ihn zart und mit großem Bedürfnis nach Zuwendung, Zärtlichkeit, Geborgenheit.
Schnell zu erschrecken, sehr empfindlich gegenüber Tadel.
Aber irgendwann hat er sich in seine harte Hülle begeben und noch ist die leider nicht weg.

In meinem Empfinden hat er sich seine Welt geordnet in sehr unterschiedliche Bereiche.

Und sein Verhalten war genauso fein säuberlich getrennt.
Er verhält sich nicht überall gleich.
Er konnte freundlich und nett sein, wenn er der Ansicht war, das sei gut für ihn und er konnte das Gegenteil sein.

Das hing nicht so sehr davon ab, wie ihm begegnet wurde, sondern vom Nutzen, den er sich erhoffte.
Will sagen: Er konnte gerade die Menschen, die ihn tatsächlich lieb hatten oder wichtig nahmen, besonders abfällig bewerten.

Und ausgerechnet bei denen, die dies nicht taten, besonders zugänglich und freundlich sein.

Aber im Inneren war er, wie mir scheint, ein ewiges, allein gelassenes Kind.

Wirkliche Liebe, daran besteht keine Erinnerung, die war nicht fühlbar.

Einfühlungsvermögen? Auch nicht.

Er konnte sicher durch logische Erwägungen wissen, was der andere braucht, aber wirkliches tiefes Mitfühlen? Eher nicht.

Er hat ja seine eigenen positiven Gefühle nicht mehr an sich herangelassen. Wut: Das war etwas, was er fühlen konnte.
Verachtung: das auch.
Zynismus begegnet mir auch.

Das sind alles Abwehr Gefühle, wahrscheinlich, um nicht in seine Angst oder gar in Schamgefühle zu geraten.

Es tut mir sehr leid, zu sehen, wie ein gutes Kind so verletzt wird, dass es noch über den Tod hinaus nicht in Kontakt zu seinem tiefen Selbst kommt.

Anton: Fertig?

Uta: Ja.

Anton: Gut, dann kann ich jetzt gehen?

Uta: Hanna hat Fragen, um die geht es im Wesentlichen.

Anton: Warum machen wir das nicht gleich? Warum die Wühlerei in mir?

Uta: Um dich zu verstehen.

Anton: Ist ja nicht so schwierig!
Ich bin nun mal so, damit musst du fertig werden.

Uta: Damit muss Hanna fertig werden, das ist offensichtlich nicht leicht.

Zum ersten Mal während des ganzen Readings kommt ein Gefühl hoch: Das Gefühl hilfloser Traurigkeit, als er den Kopf senkt und sehr leise sagt: Weiß ich.

Uta: Du weißt, dass du ihr was schuldig bist?

Anton: Ja.

Uta: Das ist schön, dass du das zugibst.

Dann stell ich dir jetzt ihre Fragen.

Deine Tochter fragt:

Hallo, Papa, geht es dir gut, da wo du jetzt bist? Bist du glücklich?

Anton schnaubt durch die Nase.
Glücklich? Na ja. Weiß ich nicht.
Ist eben, wie es ist, da muss ich mich mit abfinden.
Ist nicht schlecht hier, aber – hm – von mir aus hätte ich das nicht gestellt.
Eher so – hm – ich weiß nicht, irgendwas fehlt da.
Ich weiß nicht, was.

Uta: Darf ich dir eine Zwischenfrage stellen?

Anton: Ja (Achselzucken).

Uta: Erinnerst du dich, wie du als Kind die Welt empfunden hast?

Anton: Ne…

Uta: Okay, danke.

Hanna, das bedeutet, dass er noch nicht vollständig mit sich selbst ist.
Daher ist ihm das, was um ihn ist, auch noch nicht schön und glücklich machend.
Er braucht vermutlich noch sehr viel „Zeit“, um ganz zu sich selbst zu kommen.
Entsprechend ist ihm der „Himmel“ auch noch nicht erfüllend.

Er geht an sehr vieles in der Vergangenheit noch nicht dran.

Deine Tochter schreibt weiter: Du hast meinen Glauben ja immer belächelt (milde ausgedrückt).
Wie hast du deinen Übergang empfunden?

Anton: Na ja, weiß ich nicht.
Ich dachte, dass ich das träume irgendwie.
Ich hatte ganz zum Schluss keine Angst mehr, ich dachte: Ja, dann ist eben Schluss und Aus. Das war in Ordnung.
Ich wollte da auch nicht mehr, wozu denn: Schluss, aus, fertig, Ende!

War nicht so, na ja, aber …
Hm – dann hab ich mich gesehen, das war ja widerlich!
Da hab ich weggeguckt und gedacht: Das träumste jetzt.
Aber ich wollte das da nicht mit ansehen, wollte da raus aus dem Traum.

Und dann wurde es so hell und ich dachte, ich hau dann mal ab.
Bin da hin, wo es hell war.
Ich dachte, das träume ich auch.

Na ja, und dann war da Oma, ganz klar…
Ich konnte sie anfassen und ich hab da geweint, glaube ich, weiß nicht mehr.
Jedenfalls da wusste ich, dass es nicht aus und vorbei ist.

Ja, so war das.
War schon irgendwie schön, ja.

Uta: Hanna fragt, ob du Familienmitglieder oder auch Freunde getroffen hast?

Anton: Hm (nickt nur).

Uta: Willst du nicht drüber reden?

Anton: Ne, ich…
Ne, so gerne bin ich nicht da bei denen, es ist mir einfach zu viel.
Ich will lieber meine Ruhe haben.

Uta: Dieses Gespräch, das wir beide miteinander führen, ist dir auch zu viel?

Anton: Eigentlich schon.

Uta: Warum machst du trotzdem mit?

Anton: Weil ich was wieder gut machen will?

Uta: Was denn?

Anton: Dass ich meiner eigenen Tochter das Herz gebrochen habe vielleicht?

Ich will nicht, dass sie denkt: Mein Vater war ein verdammter Scheißkerl.

Uta: Okay… ja.

Weinst du gerade? (Er weint.)

Anton: Quatsch!

Uta: Gut, dann die nächste Frage von Hanna.
Du weißt jetzt bestimmt, dass ich unter deinem Verhalten mir und meiner Familie gegenüber oft gelitten habe.
Und ich möchte eigentlich nicht darauf herumreiten.
Aber könntest du mir nicht einfach mal sagen, dass du mich liebst und stolz auf mich bist?

Anton: Man… klar, klar…

Uta: Du liebst sie?

Anton: Ich… ich komm an die Gefühle doch nicht dran, Mensch! (Er brüllt diesen Satz.)
Ich weiß nicht warum, ich weiß es doch nicht!

Uta: Nächste Frage von Hanna: Warum hast du Mama eigentlich immer so behandelt? Hast du sie eigentlich geliebt?

Anton: Was ist denn das für Frage?! Ich… weiß es nicht, verdammt noch mal!

Uta: Warum hast du Carsten immer so bevorzugt?

Es tat mir sehr leid, dass er dich, als es dir schlecht ging, nicht besucht hat und du immer auf ihn gewartet hast.
Eure Verbindung habe ich nie verstanden.
Du warst so eine starke Persönlichkeit und Carsten hat mit dir gemacht, was er wollte.

Anton: Na ja, du hast wahrscheinlich das Recht, mich das zu fragen.

Ich glaube, weiß ich nicht…
Vielleicht weil ich mich in ihm gesehen habe?
Irgendwie so was.

Uta: Abschließend schreibt Hanna:

Ich danke dir schon mal für die Antworten und wünsche dir alles Liebe.
Und ich hoffe sehr, dass es dir dort, wo du bist, wirklich richtig gut geht.

Ich habe mir immer einen anderen Vater und Opa für meine Kinder gewünscht. Aber ich weiß ja, dass alles so sein muss, wie es ist und man aus seinen Erfahrungen – egal, ob gut oder schlecht – lernt und wächst.
Ach, ich kann schlecht sagen: Ich liebe dich.
Jetzt möchte ich es aber sagen von ganzem Herzen:
ICH LIEBE DICH.

Anton: Das brauchste nicht!
Ich glaube, den gibt’s nicht, der das verdient hätte.
Das ist so, weiß ich nicht, ob sich das ändert.

Irgendwas ist da noch, das fehlt mir, aber ich weiß nicht was.
Vielleicht dass ich das auch wirklich fühlen kann, weiß nicht.
Gib mir Zeit!

Ich weiß, dass du mich liebst, hm, eigentlich immer.
ABER ICH HAB Angst davor gehabt. Ja.
Angst, ich hab Angst.
Liebe tut weh.

Ich will dir nicht mehr weh tun, ich will nicht mehr das Arschloch sein.
Weiß nicht… keine Ahnung, wie das jetzt weiter geht.

Uta: Gut, ja, Anton, damit sind wir am Ende.

Anton: Hm, hm…
Tja, dann gehe ich mal.
Ach so, ja hier: Er legt einen bunten Blumenstrauß auf den Tisch und einen Autoschlüssel.
Warum er das macht, weiß ich nicht.

Ohne sich groß von mir zu verabschieden, geht er raus.
Im Licht sehe ich eine kleine, grauhaarige Frau in Kittelschürze.
Die wartet anscheinend auf ihn und nimmt ihn an der Hand, was er sich zu meiner Überraschung gefallen lässt.